Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

Ausschnit  Seite 183 - 186

 

Ich konnte nur so staunen über die Gedschwindigkeit, das entfesselte Tempo, mit dem die deckende Schicht, die Elastizität, dasFleisch von meinen Knochen dahinschwand, schmolz, abfaulte und allmählich ganz verschwand. Täglich wurde ich von etaws Neuem überrrascht, von einem neuen Makel, einer neuen Scheußlichkeit an diesem immer merkwürdiger, immer fremder werdenden Gegenstand, der einst mein guter Freund: mein Körper gewesen war. Ich konnte ihn schon gar nicht mehrohne ein zwiespältiges Gefühl, ohne Schaudern betrachten; deshalb zog ich mich mit der Zeit nicht mehr aus, wusch mich nicht mehr, schon weil sich alles in mir gegen solche unnötigen Anstrengungen sträubte, auch schon wegen der Kälte, nun ja, und dann natürlich wegen der Schuhe.

Diese Gerätschaften machten, jedenfalls mir, sehr viel Ärger. Überhaupt konnteich mich mit den Kleidungsstücken, mit denen ich im Konzentrationslager ausgestattet worden war, nicht verstehen: es fehlte ihnen an Zweckmäßigkeit, dafür besaßen sie viele Mängel, ja, sie wurden geradezu zu einem Quell der Unannehmlichkeiten - ich kann allgemein sagen: sie bewährten sich nicht. So etwa verwandelt sich zur Zeit des grauen Nieselregens -der mit dem Wechsel der Jahreszeiten ein dauernder wird - das Drliichzeug in ein steifes Ofenrohr, dessen nasse Berührung unsere von Schaudern überlaufende Haut nach Möglichkeit auszuweichen versucht - vergeblich natürlich. Auch der Sträflingskittel - den sie, das ist unbestreitbar, pflichtschuldig ausgeteilt haben - nützt nichts, er ist nur ein weiteres Joch, eine weitere nasse Schicht, und nach meiner Ansicht ist auch das grobe Papier der Zementsäcke keine Lösung, wie es sich Bandi Cirom, ähnlich wie viele andre, geschnappt hat und nun unter den Kleidern trägt, allem Risiko zum Trotz, denn solche Vergehen kommen schnell ans Licht: ein Stockschlag auf den Rücken, einer auf die Brust, und das Knistern bringt die Tat sogleich an den Tag. Knistert das Papier aber nicht mehr, wozu dann - frage ich - diese zu Brei gewordene neue Tortur, die man zudem nur noch heimlich wieder loswerden kann?

Aber wie gesagt, das ärgerlichste waren die Holzschuhe. Das Ganze begann eigentlich mit dem Schlamm. Übrigens muß ich sa vorn von neuem zugen, daß meine bisherigen Vorstellungen auch in der Hinsicht ungenügend waren. Auch zu Hause hatte ich Schlamm gesehen und war auch schon darin herumgelaufen, vesrsteht sich - daß er aber mal unsere Hauptsorge, daß er zum Schauplatz unseres Lebens werden könnte, das hatte ich nicht gewußt.

Was es heißt, bis zu den Waden darin zu versinken, das Bein dann mit aller Kraft, mit einem einzigen schmatzenden Ruck zu befreien, und das nur, um zwanzig, dreißig Zentimeter weiter vorn neuem einzusinken: auf alldas war ich nicht vorbereitet, und es wäre auch vergeblich gewesen. Nun stellte sich aber heraus, daß bi den Holzschuhen mit der Zeit die Absätze abbrachen. Da konnten wir dann auf einer dicken, ab einem bestimmten Punkt plötzlich dünn werdenden, gondelförmig gebogenen Sohle einherwandeln, indem wir auf dieser gerundeten Sohle vorwärts schaukelten, in der Art von Stehaufmännchen. Außerdem entsatnd an der Stelle des einstigen Absatzes zwischen dem Schaft und der hierrecht dünnen Sohle ein Tag für Tag breiter werdender Spalt, durch den bei jedem unserer Schrittekalter Schlamm und mit ihm Steinchen und allerlei spitzes Zeug ungehindert eindringen konnten. Inzwischen hatte uns der Schaft schon längst die Knöchel und die darunter befindlichen weicheren Bereiche wund gerieben. Nun waren diese Wuden - wie es ihre Eigenschaft ist - aber naß, und zwar von einer klebrigen Nässe: so konnten wir uns dann mit der Zeit überhaupt nicht mehr von den Scuhen befreien, konnten sie nicht mehr ausziehen, sie hatten sich mit den Füßen verklebt, waren, neuen Körperteilen gleich, angewachsen.

Sie trug ich bei Tage, in ihnen begab ich mich auch zur Nachtruhe, schon um keineZeit zu verleren, wenn ich dann von meinem Lager auf- genauer: Hinunterspringen mußte, zwei-, drei-, ja viermal in einer Nacht. Und nachts geht es ja noch an: nach einigen Schwierigkeiten, einigem Gestolper und Gerutscheim Schlamm draußen erreichen wir im Scheinwerferlicht das Ziel irgendwie. Aber was sollen wir tagsüber tun: was, wenn uns der Durchfall im Kommando ereilt - was doch unvermeidbar war? Man nimmt seine ganzen Mut zusammen, reißt sich die Mütze vom Kopf und bittet den Aufseher um Erlaubnis: "Gehorsamst, zum Abort", vorausgesetzt natürlich, es gibt eine Bude in der Nähe, und zawr eine von Häftlingen zu benutzende Bude. Aber nehmen wir an, da ist eine, nehmen wir an, unser Aufseher ist gütig und erteilt uns einmal, erteilt uns ein zweites Mal die Erlaubnis: wer nun -möchte ich fragen - wäre so tollkühn, so zu allem entschlossen, daß er seine Geduld ein drittes Mal auf die Probe stellte? Da bleibt dann nur noch der stumme Kampf, mit zusammengebissenen Zähnen, mit ständig zitterndem Hohlbauch, bis die Prüfung entschieden ist und entweder unser Körper oder unser Wille die Oberhand gewinnt.

 

Die Ziele des Vereins

TERMINE  2019

Verlegung von neuen Stolpersteinen am                  9. Juli 2019                   19. September                22. Oktober

 

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