Haseatenweg, Ecke Kastenalsgasse (früher Graben 56)

Jakob Rosenberg         Gertrud Rosenberg               Rosa Rajsla Rosenberg          Bernhard Berek Rosenberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlegung der Stolpersteine am 5.3.2018

 

die Häuser Graben 56 -60 (Aufnahme ca. 1920)
die Häuser Graben 56 -60 (Aufnahme ca. 1920)

In der zweiten Ehe des polnisch-jüdischen Webermeisters Rosenberg mit Rajsla Granek werden spät

noch zwei Kinder geboren: Jakob und Gertrud. - Über die drei Kinder aus der ersten Ehe des Vaters in Polen wird an anderer Stelle berichtet.

Berek Bernhard Rosenberg
Berek Bernhard Rosenberg
Rajsla Rosa Rosenberg
Rajsla Rosa Rosenberg

Vater Berek Bernhard Rosenberg, geboren am 18. April 1879 in Lipsk, Kreis Bozniezny war vor dem 1. Weltkrieg in Lodz verheiratet. Er war 38 Jahre alt und Webermeister von Beruf, als er 1917 als Zwangsarbeiter nach Kassel kam. Es ist denkbar, dass er dann in den Kasseler Großwebereien arbeitete. Ab November 1917 war er an fünf Adressen in der Altstadt gemeldet. Im November 1925 zog er in die Kastenalsgasse 7.

Er war 46 Jahre alt, als er am 4. Dezember 1925 zum zweiten Mal heiratete. 10 Monate später wurde Sohn Jakob und 2 ½ Jahre später Tochter Gertrud geboren. 1930 zog die Familie in den Graben 56, heute Weißer Hof 4.

Er war 60 Jahre alt, als er am 3. Oktober 1939 in Kassel verhaftet und in das KZ

Buchenwald mit der Häftlingsnummer 7828 eingeliefert wurde. Aus der Sterbeurkunde des Standesamtes Weimar geht hervor, dass er „am 23. Dezember 1939 um 4.55 Uhr verstarb“.

 

Mutter Rajsla Rosa Rosenberg, wurde 16. Oktober 1885 in Zawierce, Polen geboren. Über ihre Familie ist nur bekannt, dass ihr Vater, Herr Granek, nach USA entkommen konnte. Sie war 40 und Haushälterin von Beruf, als sie ab 19. November 1925 in Kassel gemeldet war. Drei Wochen später, am 4. Dezember 1925, heiratete sie Berek Rosenberg, der 46 Jahre alt ist. Nach 5 Jahren zog die Familie 1930 von der Kastenalsgasse 7 in den Graben 56, heute Weißer Hof 4. Unter dem zunehmenden rassistischen Terror mussten sie für ihre minderjährigen Kinder schwerwiegende Entscheidungen treffen: Sohn Jakob wurde mit 11 ½ Jahren im Februar 1938 zu seiner Halbschwester nach Belgien geschickt. Tochter Gertrud war noch keine 11 Jahre alt, als sie ein Jahr später im Februar 1939 mit einem Kindertransport nach England geschickt wurde. Sie konnte dadurch als einzige der Familie überleben.

Nachdem zuletzt im Dezember 1939 ihr Mann in Buchenwald umkam, blieb am Ende die Mutter allein

und verwitwet in Kassel zurück. Sie musste noch zweimal umziehen, im März 1940 in die Getränke-

pforte und im Oktober 1941 in die Untere Königsstraße 66. Zwei Monate später, am 9. September 1941 wurde sie mit dem ersten Sammeltransport nach Riga deportiert und kam dort um. Näheres ist

                          Eintragungen im Hausstandsbuch Graden 56 der Stadt Kassel                                           nicht bekannt.

Ein überlebender Kasseler Jude beschrieb 1946 diesen Transport nach Riga so (Auszug)

„Am 9. Dez. 1941 fuhren wir ab. Es waren ungeheizte 3ter Klasse Coupés. Wir fuhren über Berlin,   Breslau, Posen, Königsberg, Tilsit und kamen am 12. Dez. in Riga an. Es waren 40 Grad Kälte. Das meiste Gepäck ließen wir am Bahnhof auf Ni mmerwiedersehn. Bei einem furchtbaren Schneesturm mussten wir ins Ghetto marschieren. 10 Kilometer… Die ersten 3 Wochen bekamen wir überhaupt keine Verpflegung…“   

    Dieser Brief wird in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufbewahrt.

 

Jakob Rosenberg

1926 - 1942

Sohn Jakob Rosenberg, geboren am 14. September 1926, war noch ein Schulkind, als er am 8. Februar 1938 zu seiner älteren Halbschwester nach Belgien geschickt wurde. Sie war dort verheiratet und ist – wie ihr Mann und ihre Tochter - nicht deportiert worden. Anscheinend hatte Jakob nach der Schule eine Sattlerlehre begonnen – laut Inhaftierungs-bescheinigung des Internationalen Suchdienstes Arolsen vom 27. April 1959.

Nach der Besetzung Belgiens 1940 durch die Nazis mussten sich alle Juden, die älter als 15 Jahre waren, in ein Register eintragen. Jakob war dafür noch zu jung. Dann wurde es jedoch ab Frühjahr 1942 Pflicht, Mitglied im Belgischen Judenverein zu werden, und Jakob erhielt im Sommer 1942 den Befehl zum Arbeitseinsatz. Er


meldete sich freiwillig in der „Dossin-Kaserne“ und wurde als „Person 963“ in der Liste des 2. Konvois registriert. Der Zug verließ Belgien am 11. August und kam am 13. August 1942 in     Auschwitz-Birkenau an. Dort verliert sich seine Spur. Nach Auskunft der belgischen Gedenkstätte „Dossin Kaserne“ in Mechelen sind weder das Datum noch die Umstände seines Todes bekannt, auch weil die Nazis 1945 die Lagerarchive großenteils vernichteten.

Jakobs Schwester Gertrud Rosenberg (von ihr gibt es leider kein Foto) wurde am 6. April 1928 in Kassel geboren. Ein Jahr nachdem ihr Bruder nach Belgien entkam, wurde sie ganz allein mit 10 ½ Jahren mit einem der Kindertransporte nach England geschickt. Dank des „Kindertransports“ blieb Gertrud das Verfolgungsschicksal ihrer Eltern und ihres Bruders erspart. Aber sie erlebte die frühe Verpflanzung in ein völlig anderes Land mit einer fremden, eher abweisenden Umgebung. Sie wurde “von einer fremden Familie zur anderen gesandt“, wie sie ihrem Anwalt sagte, der sie später im Entschädigungsverfahren vertrat.

In London angekommen, besuchte sie von Februar bis Juli 1939 zunächst 5 Monate eine Elementarschule. Danach wechselte sie jedes Jahr die Schule und wohl auch die Pflegefamilie. Zunächst ging sie in eine jüdische Schule bei Cambridge, dann in eine Dorfschule an einem anderen Ort und 1941 / 42 in eine kleine Privatschule in Purley.  Schließlich bezahlten ihr „wohltätige Menschen“ einen 3-Monatskurs an einer Londoner Handelsschule für „allgemeine kaufmännische Büroarbeit und Stenografie“. Ihre erste Stelle als Laufmädchen in einer großen Buchhandlung wurde 1942/42 sehr gering bezahlt. Danach arbeitete sie jeweils wenige Jahre bis 1953 in 3 weiteren Londoner Firmen. Während ihrer ersten Berufsjahre besuchte sie von 1944 bis 48 eine kaufmännische Abendschule. Anfang der 50er Jahre scheint sie Mr. Kyberd, einen einfachen Arbeiter, geheiratet zu haben, mit dem sie zwei Kinder hatte. Ihr Anwalt schreibt später, dass sie von 1953 – 55 nicht arbeitete, weil ihre „häuslichen Pflichten dies nicht erlaubten“. Von 1956 bis 58 hat sie bei der Afghanischen Nationalbank in London gearbeitet. Weitere Einzelheiten über ihr Leben und ihre Familie liegen seit ihrem Antrag auf Entschädigung vom 25. August 1958 nicht vor. 1959 wurde ihr eine geringe Kapitalentschädigung von

Ausschnitt des Stadtplans vor 1943 (die Nr. 56 ist etwa da wo die Biegung der Straße beginnt)
Ausschnitt des Stadtplans vor 1943 (die Nr. 56 ist etwa da wo die Biegung der Straße beginnt)

knapp 600 DM für die Zeit vom 1.1.1940 bis 30.5.1944 (da wurde sie 16 Jahre) und später eine nachträgliche Waisenrente bewilligt. Am 14.4.1992 hat sie ihrer ermordeten Familie in Yad Vashem, Jerusalem, Gedenkblätter für Vater Berek Bernhard, Mutter Rajsla Rosa und ihren Bruder Jakob einrichten lassen. Dort hat sie auch ihre Adresse in Croyden, Grafschaft Surrey, angegeben. Briefe an diese Anschrift blieben jedoch unbeantwortet.


Kindertransporte:

 

Im Herbst 1938, besonders nach den Novemberpogromen in Deutschland, drängte man u.a. die Regierung in England zum Handeln. Am 16. November beschloss das englische Kabinett, verfolgte Kinder bis 17 Jahre einreisen zu lassen. Jüdische Organisationen mussten alles Weitere organisieren und sicherstellen, dass kein Kind je von öffentlicher Hand unterstützt würde. Alle Kosten wurden privat aufgebracht, z.B. von den Quäkern und Kaufhäusern. – Zuvor mussten die Eltern ihre Kinder bei der Reichsvertretung der Juden registrieren lassen. Die Abreise kam oft kurzfristig, die Reiseziele waren oft unklar: Kinderheime in Palästina, Verwandte oder Freunde in England. Die meisten Kinder aber kamen in neue Pflegefamilien in Großbritannien.

 

Jochen Boczkowski, Jürgen Strube, Gudrun Schmidt

Quellen:  

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden:   hhstaw 518 6741 und 518.6691

Stadtarchiv Kassel: Adress- und Hausstandsbücher A 3.32 HB  223, 340 und 596

 Magistrat der Stadt Kassel (HG): Namen und Schicksale der Juden Kassels – 1933 bis 1945, Ein Gedenkbuch (bearbeitet von B. Kleinert und W. Prinz), Kassel 1986

Generaldirektion Kriegsopfer Brüssel Algemeen Rijksarchiv (Foto Jakob)

 

Hier sieht man Fotos von der Verlegungsaktion.

Die Ziele des Vereins

TERMINE  2018

Verlegung von weiteren Stolpersteinen erst in 2019

 

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