Fanny und Hermann Katz, Rickchen Schaumberger

Mönchebergstraße 19a (früher 19 ½)

Fanny Katz (StadtA Kassel)
Fanny Katz (StadtA Kassel)

Hermann Katz wurde am 12.3.1872 als ältestes Kind des Handelskaufmanns David Katz (1852–1925) und seiner Frau Sophie, geb. Mendel (1853–1936), in Minden geboren. Er wuchs mit neun Geschwistern auf: Johanna (1876), Max (1878), Dora (1880), Lina (1882), Jeanette (1885), Emilie (1887), Käthe (1890), Rosalie (1892) und Bertha (1894). Von den Geschwistern sollten nur die beiden jüngsten den Völkermord überleben. Stolpersteine für die Ermordeten liegen in mehreren deutschen Städten. Hermann Katz heiratete 1905 die am 14.5.1875 geborene Maria Schnabel aus Weinsberg. Die Ehe wurde 1908 vor dem Landgericht in Karlsruhe geschieden. In zweiter Ehe heiratete er am 5.6.1911 in Angenrod bei Alsfeld die 1881 dort geborene Fanny Schaumberger. Als Berufsbezeichnung für Hermann Katz tauchen in Dokumenten Tapezierer, Polsterer und Dekorateur, zuletzt auch Invalide auf. Zumindest in den ersten Jahren seiner Ehe war er wohl als Alleinselbstständiger Tapezierer tätig, wie ein Adressbuch ausweist.

 

Fanny Schaumberger war die Tochter von Heinemann Schaumberger (1837-1910) und Auguste Schaumberger geb. Süsel (gest. 1923) aus Angenrod. Sie hatte den Bruder Moritz und die Schwester Rickchen. Die Familie lebte in einem Dorf nahe Alsfeld (heute einer seiner Stadtteile), das damals etwa 550 Einwohner mit einem erheblichen Anteil jüdischer Bevölkerung hatte. Dieser lag 50 Jahre zuvor (1861) bei über 40 Prozent und war nach Rhina der zweithöchste in Hessen. Zahlreich jüdische Familien verfügten über Hausbesitz, die „Judengasse“ im Dorf galt als „Klein Jerusalem“.

 

Mönchebergstraße Ecke Moritzstraße (um 1930) - links angeschnittten Mönchebergstraße 21
Mönchebergstraße Ecke Moritzstraße (um 1930) - links angeschnittten Mönchebergstraße 21

Hermann und Fanny Schaumberger ließen sich 1911 in Kassel in der Wolfhager Straße 151 und dann 147 nieder, später wohnte die Familie einige Jahre in der Müllergasse 21, ehe sie mit dem einzigen gemeinsamen Sohn Herbert, der am 12.12.1915 geboren wurde, in die Mönchebergstraße 21 zog. Herbert Katz besuchte bis 1930 die Bürgerschule 5, danach eine Berufsschule in der Hedwigstraße. Nach dem Krieg beantragte er eine Entschädigung, da ihm der Abschluss einer Lehre als Elektriker aus rassistischen Gründen verwehrt blieb. Nachdem er den Führerschein erworben hatte, schlug er sich bis etwa 1937 als Chauffeur durch, ehe er im Februar 1938 die Möglichkeit ergriff, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Seinen Eltern, die sich nach seinen Angaben gleichfalls darum bemühten, sollte dies jedoch nicht mehr gelingen.

 

1938, als die meisten Juden aus Fannys Heimatdorf Angenrod vertrieben waren, kamen ihre Geschwister, die ledige Rickchen und der verwitwete Moritz Schaumberger, nach Kassel und wohnten bei ihrer Schwester und dem Schwager in der Mönchebergstraße 21.  „Moritz Schaumberger war der wohl einzige Angenröder Israelit, der einem schwereren handwerklichen Beruf in Alsfeld nachging. Er arbeitete auf dem Holzplatz der Firma Wallach“. (Mitteilung von I. Stahl). In Kassel wurde er als „Invalide“ registriert und gehörte zu den jüdischen Männern, die verhaftet und als „Aktionshäftlinge“ im Sonderlager innerhalb des KZ-Buchenwald eingesperrt wurden. Am 12. Dezember 1938 mit der Häftlingsnummer 24559 entlassen, starb er knapp ein Jahr später am 5. Dezember 1939. Zu diesem Zeitpunkt war die Familie bereits in das benachbarte Haus Mönchebergstraße 19 ½  umgezogen. Rickchen Schaumberger verwies man von dort im August 1940 in das Lager Wartekuppe in Niederzwehren, das einer Haftstätte glich. Die vorliegenden Dokumente legen nahe, dass dies auch für Fanny und Hermann Katz zutraf. Im Januar 1940 waren sie gezwungen  Fanny Katz‘ elterliches Haus in Angenrod zu verkaufen. Im Zusammenhang mit dem Hausverkauf vertrat Hermann Katz als Pfleger seine Schwägerin Rickchen Schaumberger und schrieb am 9. September 1940 vom Lager Wartekuppe an das Landratsamt Alsfeld:

 

"Ich bitte höfl. den Herrn Landrat, die Genehmigung des Verkaufs des Grundstückes No. 43 Angenrod Krs. Alsfeld zu genehmigen, damit die Hypothek des Herrn […] der Käufer des Häuschens eingetragen werden kann. Die  Bezirkssparkasse Alsfeld wird dann das Guthaben an die Kreissparkasse Kassel - Kölnischestraße überweisen. Mein Pflegling Rickchen Sara Schaumberger früher Angenrod hat außer ihrer Rente monatlich 16,20 RM nichts, dieselbe kann also für 16 Mark monatlich keine Wohnung und Verpflegung haben. Ich als Pfleger bitte daher höfl. wenn mein Pflegling nicht untergehen soll, die Genehmigung zu erteilen und dieses der Bezirkssparkasse Alsfeld mitzuteilen. Das Grundbuchamt Amtsgericht Alsfeld hat ja bereits dieses genehmigt. Ich bitte nochmals den Herrn Landrat um bitte baldige Genehmigung.

Ergebenst

Hermann Israel Katz

Als Pfleger der Rickchen Sara Schaumberger

Kassel-Niederzwehren

Wartekuppe".

 

Hierbei ging es um die Überweisung von 650 RM auf ein Sperrkonto, über das Rickchen Katz nie verfügen konnte.

 

Fanny und Hermann Katz sowie Rickchen Schaumberger wurden am 7. September 1942 mit dem Transport XV/1, nr. 528 von Kassel über Chemnitz nach Theresienstadt deportiert und von dort bereits drei Wochen später, am 29 September, mit den Transporten  Bs, nr. 848 bzw. Bs, nr. 1143 zusammen mit 4.001 Menschen in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt, wo alle Opfer der Transporte ermordet wurden.

 

Ankunft von Deportierten in Theresienstadt  - Unterbringung auf dem Dachboden - Zeichnung von Bedrich Fritta

Die Anregung zur Verlegung der Stolpersteine kam von Sonja Zoder aus Hamburg, wo ein Stolperstein für Hermann Katz‘ Schwester Lina verlegt ist.

 

 

Quellen und Literatur

 

HHStAW

518 60.332 | 518 00.321

HStAD

Best. G 15 Alsfeld, Nr. T 93

StadtA Kassel

Kennkarten | Adressbücher | Liste der jüdischen Einwohner 

ITS Bad Arolsen

Dokumente zu Moritz Schaumberger

Namen und Schicksale der Juden Kassels: biografische Einträge zu Fanny und Hermann Katz

Gedenkbuch des Bundesarchivs

Tschechische Datenbank der Holocaustopfer

Ingfried Stahl, Opfer des NS-Regimes – Angenrods letzte Israeliten. Etabliert seit 1736: Die Israelitischen Religionsgemeinde Angenrod, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, Bd. 95 (2010), S. 183-263

Schriftliche Mitteilungen von Ingfried Stahl (März 2019)

Sonja Zoder: Biografie von Lina Katz aus Minden auf der Webseite www.stolpersteine-hamburg.de

 

 

 

Wolfgang Matthäus

April 2019

 

Die Ziele des Vereins

TERMINE  2019

Verlegung von neuen Stolpersteinen am                              19.September                22. Oktober

 

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