Benjamin, Helene, Frieda, Julius und Fritz Gewerter

Moritzstraße 13   (verlegt am 1.9.2017)

Moritzstraße nach der Bombardierung 1943  (Querstraße oberes Drittel , die Nummer 13 in der Mitte an der Kreuzung
Moritzstraße nach der Bombardierung 1943 (Querstraße oberes Drittel , die Nummer 13 in der Mitte an der Kreuzung

Frieda Gewerter war das jüngste Kind der Familie Gewerter. Sie wurde am 10. Dezember 1930 in Kassel geboren und sollte nur wenig älter als 11 Jahre werden. Bei ihrer Geburt wohnte ihre Familie in der Moritzstraße 13 und ihre Brüder Julius und Fritz waren 10- und 8-jährige Schuljungen.

Ihre Mutter, Helene Gewerter, geborene Gradus, war eine Kasselanerin, sie wur-de am 12. Oktober 1894 in der Markt-gasse 36 geboren.    Seit    dem 1. April 1920 wohnte sie in dem Haus Moritz-straße 13, das sie zu 1/9 Anteil geerbt hatte.

Zu der Zeit lernte sie den Schuhmacher Benjamin Gewerter kennen, der 1918 als Kriegsgefangener nach Kassel gekommen war. Er stammte aus Mlawa, das damals zu Russland und später zu Polen gehörte, wo er am 1. März 1893 geboren war. Er war im Jahr 1919  jeweils  ein halbes Jahr  im  Weißen  Hof 2  und in  der Kastenalsgasse 34 ange-meldet.

Am  14. Januar 1920  heiratete Benjamin seine Helene und zog zu  ihr   in   die Moritzgasse 13.

 


So werden die zugeschnittenen Schäfte gesteppt (genäht)
So werden die zugeschnittenen Schäfte gesteppt (genäht)

Der damals  27-Jährige musste

jedoch      aus beruflichen Grün-den die nächsten zwei Jahre nach Dinslaken (in der Nähe der niederländischen  Grenze), während die junge Ehefrau sich um den im September zur Welt gekommenen ersten Sohn kümmerte. Im September 1921 kehrte Benjamin nach Kassel zurück.

Im August 1922 zog die Familie


Aszug von der Deportationsliste vom 9.12. 1941 (Kassel - Riga)
Aszug von der Deportationsliste vom 9.12. 1941 (Kassel - Riga)

in die Holländische Straße 17, wo drei Monate später der zweite Sohn zur Welt kommen sollte, und lebte dort die nächsten fünf Jahre.  Am 15. Juni 1927 zog sie dann wieder in die Moritzstraße 13. Dort kam am 10. Dezember 1930 die Tochter Frieda zur Welt.

Der Beruf des offenbar selbstständigen Vaters wurde in den Hausstandbüchern auch als Schäftestepper (1927) und Schäftemacher (1932) angegeben. Vom 3. Juli 1939 bis zur Deportation im Dezember 1941 war er im Baugeschäft Justus Steinach, Kassel beschäftigt.

Seine Frau Helene hat wohl ihre Familie versorgt und war nicht berufsrätig.

Frieda wurde mit ihren Eltern am 9. Dezember 1941 von Kassel nach Riga deportiert, ihre Namen sind auf der Transportliste Nr. 27 vermerkt. In Riga verliert sich ihre Spur, für sie gibt es dort keine Sterbedokumentation.

der Antrag von Julius
der Antrag von Julius

Dagegen konnten die beiden Brüder Friedas rechtzeitig, allerdings nach aufwendigen Formalitäten bei den deutschen Zoll-, Finanz- und Devisenbehörden, ins Ausland entkommen. Beide versuchten sich u.a. durch landwirtschaftliche Praktika für die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten.

Ihr ältester Bruder Julius Gewerter, geboren am 16. September 1920 in Kassel, zog knapp 16-jährig am 19. August 1936 aus Bernau zurück in die Moritzstraße und wurde am 27. Juni 1937 nach Rudnitz bei Berlin abgemeldet. Er zog am 28. September 1938 als landwirtschaft-licher Praktikant nach Neuendorf bei Fürstenwalde und wurde 18-jährig am 19.Dezember 1938 als ausgewandert nach Tellerup, Dänemark vermerkt.

 

 

 

Der jüngere Bruder Fritz Gewerter, geboren am 9.11.1922 in Kassel, „staatenlos, jüdisch, ledig“, wurde mit 14 ½ Jahren - also nach der Volksschule - am 7. April 1937 nach Mannheim abgemeldet. Er kam am 24. Januar 1938 aus Berlin, Oranienburger Straße 40, zurück nach Kassel und zog zwei Monate später am 15. März 1938 nach Salzniebinchen, Kreis

Niederlausitz. Schließlich machte er ein Gärtnerpraktikum in München. Am 3. April 1939 konnte der damals 16 ½-jährige nach Palästina auswandern.

 

Unsere Suchbemühungen in Dänemark und Israel nach beiden Brüdern und möglichen Nachfahren sind bislang ohne Ergebnis geblieben. Wiedergutmachungsanträge wurden nicht gestellt.

Gudrun Schmidt  und Jürgen Strube  August 2017

Antrag von Fritz
Antrag von Fritz
die einzureichende Liste von Julius´Gepäck bei der Ausreise
die einzureichende Liste von Julius´Gepäck bei der Ausreise

Quellen:  

Stadtarchiv KS, Hausstandsbuch Bestand A 3.32 Nr. 471,

 

International Tracing Center Bad Arolsen  und 

 

Devisenakten Hess. Staatsarchiv, 519/3 036167 / Yad Vashem

 

Die Ziele des Vereins

TERMINE 2017

Veranstaltungen der VHS, bei der wir Kooperationspartner sind

23.11.17 - 19.30 Uhr

Vortrag von Jens Fleming

Die Ministerialbürokratie und die Judenmörder

5 €

24.11.17 - 17.00 Uhr

Filmvorführung

Die Wannseekonferenz

 

30.11.17 - 19.30 Uhr

Vortrag von Gunnar Richter

Die Chefs der Kasseler Gestapo

5 €

 

7.12.17

Buchvorstellung

An Frieda Sichel und ihre Familie erinnern vier Stolpersteine. Sie selbst schrieb 1976 mit "Challenge of the Past" ihre Lebenserinnerungen. Mehr als 40 Jahre später erscheinen diese nun endlich erstmals auf Deutsch im Verlag Hentrich & Hentrich - herausgegeben vom Archiv der deutschen Frauenbewegung und Wolfgang Matthäus von Stolpersteine in Kassel e. V.:

Frieda Sichel, Die Herausforderung der Vergangenheit

Wir stellen das neue Buch vor.

 

7.12.17  19:00 Uhr

Kirche im Hof

Friedrich-Ebert-Straße 102

Teilnahme kostenlos

 

2018

 

voraussichtlich im März

weitere Steinverlgungen