Richard Hauschildt

Artillerierstraße 1

Richard Hauschildts Lebensweg ist in vielem typisch für Sozialdemokraten seiner Generation. Am 12. November 1876 in Hamburg geboren, absolvierte er nach dem Besuch der Volksschule eine Ausbildung zum Schriftsetzer und engagierte sich schon sehr früh im Buch­d­ruckerverband und der sozialdemokratischen Partei. Der damals üblichen Wanderschaft folgten Redakteurstätigkeiten in Mainz, Magdeburg, Würzburg und Offenbach, bevor er als 29-Jähriger – zusammen mit Philipp Scheidemann – nach Kassel zum Casseler Volksblatt kam, bei dem er Scheidemann als Chefredakteur 1911 nachfolgte. 1906 wählten ihn die Kasseler Sozialdemokraten zu ihrem Vorsitzenden, ein Amt, das er bis 1922 ausüben sollte. Auch privat war er der Partei verbunden.  Am 9. Oktober 1909 heiratete er Frieda Wittrock, die einer sozialdemokratischen Familie angehörte, die für die Kasseler Partei eine wichtige Rolle spielte.

1914 wurde Hauschildt Soldat und folgte damit dem, was seine Zeitung bei Kriegsausbruch am 1. August 1914 geschrieben hatte: „Die ‚vaterlandslosen Gesellen‘ werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den ‚Patrioten‘ in keiner Weise übertreffen lassen.“ (Casseler Volksblatt, 1.8.1914). 1916 erstmals in die Stadtverordnetenversammlung gewählt, war er dort von März 1919 bis Mai 1925 Fraktionsvorsitzender seiner Partei. Während des Krieges vertrat Hauschild die Forderungen der Sozialdemokratie nach einer grundlegenden Demokratisierung und nach einem Frieden der Verständigung ohne Annexionen. Bei den von Berlin ausgehenden Streiks Ende Januar 1918, die diesmal und erstmals auch Kassel erfassten, trat er gegenüber den Streikenden für Gewaltlosigkeit und Besonnenheit ein und dafür, den Streik zu beenden.


Als am 9. November Soldaten in der Stadt die Revolution entfachten und ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet wurde, wählte man ihn zu dessen Vorsitzenden, der für einen „disziplinierten“ Verlauf von Aktionen der Arbeiterschaft sorgte. Hauschildt nahm als Delegierter an den beiden Berliner Reichsrätekongressen im Dezember 1918 als Schriftführer und im April 1919 als dessen erster Vorsitzender teil und nutzte diese Position zur Werbung für das mehrheitssozialdemokratische Ziel der Erreichung des Sozialismus im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie. In der SPD geachtet, war er 1920/21 Mitglied des zentralen Parteiausschusses und von 1919-1924 Mitglied des Preußischen Landtages, 1919 bis 1920 auch Mitglied des Kommunallandtages für den Regierungsbezirk Kassel.


Hetzkampagnen des bürgerlichen Lagers gegen die Arbeiterparteien, insbesondere gegen die SPD, die bei der Kommunalwahl 1924 ihre absolute Mehrheit verlor, und auch gegen Richard Hauschildt, der Landrat des Kreises Hersfeld werden sollte, bewegten diesen 1924 Kassel zu verlassen. Mit seiner Familie, zu der inzwischen die Töchter Ottilie und Adelheid gehörten, übersiedelt er nach Elberfeld, um bei der dortigen „Freien Presse“ wiederum als Redakteur zu arbeiten. Auch hier engagierte er sich kommunalpolitisch für die Partei und insbesondere das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

1929 berief der SPD-Vorstand den erfahrenen und geschätzten Journalisten Hauschildt zum Leiter der Abteilung „Sozialdemokratische Parteikorrespondenz“. Die Familie zog nach Strausberg bei Berlin, wo sich beide Töchter in der Arbeiterjugend (SAJ) und auch der Partei engagierten. Offenbar als Alleinredakteur verantwortete ihr Vater ein Organ, das insbesondere der Parteipresse für ihre tägliche Arbeit umfangreiche Informationen zur Verfügung stellen sollte und als Argumentationshilfe für Funktionäre diente. Formal war Hauschildt auch für die Werbeabteilung der Partei verantwortlich, in der unter anderem Plakate entworfen wurden. Zudem war er wie zuvor kommunalpolitisch aktiv. Den Strausberger Neubürger bestätigte die Stadtverordnetenversammlung in seinem Amt als ehrenamtlichen Beigeordneten, das ihm die örtliche SPD angetragen hatte. Vor Ort ging es ihm in der Zeit der Weltwirtschaftskrise vor allem um soziale Programme, seine besondere Sorge galt zudem dem Erhalt der Demokratie und der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten. Als Redner „seines Ortsvereins und der Eisernen Front, geißelte er den Faschismus als extremste Art des Verbrechertums, des Rassenhasses und Antisemitismus, enthüllte er dessen Ursachen und Ziele“ (Klein, S. 25f.). Ähnlich wirkte er in seiner Verantwortung für die Parteikorrespondenz, die sich noch im letzten Heft vom Februar 1933 und damit nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gegen die Nationalsozialisten wendete.

Bericht über die Verhaftung von vier Funktionären der SPD in Strausberg
Bericht über die Verhaftung von vier Funktionären der SPD in Strausberg

Nach dem Reichstagsbrand und der ihm folgenden Verordnung gehörte Hauschildt zu denjenigen, die ganz oben auf den schwarzen Listen der Nazis standen und verhaftet wurden. Zusammen mit weiteren Genossen wurde er am 24. Juni 1933 verhaftet und in das KZ Oranienburg verschleppt, wo er die entfesselte Gewalt der Nationalsozialisten erlebte. Sein Mithäftling und Parteigenosse schildert in seinem bereits 1934 im Exil erschienenen Bericht über das KZ die völlig Rechtlosigkeit des Häftlings: „Er ist in jeder Hinsicht, im verwegensten Sinne des Wortes der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert. Willkürlich ist, wen die Verhängung der Schutzhaft trifft. Willkürlich sind der Beginn und ihr Ende. Willkürlich ist, wohin der Schutzhäftling gebracht wird. Willkürlich ist die ganze Behandlung; keine Gefängnisordnung, keine allgemeine Vorschrift zieht dem Verhalten der Konzentrationslager-Gewaltigen irgend­welche noch so weite Grenzen – schutzlos ist der ‘Schutzhaft‘-Gefange­ne (welche blutige Ironie der Bezeichnung!) jeder moralischen und körperlichen Misshandlung preisgegeben. Es ist ein Zustand von unheimlicher Rechtlosigkeit, dass ein Mensch, der da hineingerät, jeden Halt, jedes Ziel seiner Gedanken, jede Möglichkeit einer Zukunftsvorstellung verliert – der Zustand allein ist schon Qual. Wie viel mehr Qual, was ihm auf Grund dieser Rechtlosigkeit die Willkür dann zufügt.“ (Seger, Oranienburg). Hauschildt hat später wohl nur angedeutet, dass er schwer misshandelt, zum Beispiel mit Gummiknüppeln traktiert worden sei.

Unter anderem unter der Auflage, dass ihr Mann Strausberg verlässt und Berlin nicht mehr betritt, erreichte Frieda Hauschildt seine Freilassung am 3. August 1933. Die Familie kehrte nach Kassel zurück, wo sich Richard Hauschildt regelmäßig bei der Gestapo melden musste und nun einem kaum zu gewinnenden Kampf um die Sicherung der Existenz ausgesetzt war: als „Marxist“ mittel-, existenz- und wohnungslos, wie er selbst schrieb. Seine Briefe aus dieser Zeit an seine Tochter Ottilie zeigen auf, wie der stadtbekannte Sozialdemokrat immer mehr in die Isolation geriet. Schrieb er noch im Oktober 1933: „Groß ist der Kreis derer, die mich auf den Straßen grüßen“, so vermieden Menschen – auch angesichts von Drohungen der Nazis - zunehmend den Kontakt zu ihm. Unter diesen Umständen war es ihm lange nicht möglich, eine Wohnung für das Ehepaar und die Tochter Heidi zu finden, zumal die Familie am Ende von weniger als 50 Mark Wohlfahrtsunterstützung,anderen kleinen Zuwendungen und mit der Hilfe der Familie Wittrock leben musste: „Von 5 privaten Hausbesitzern schütteln jedes Mal vier, wenn nicht alle fünf bedauernd den Kopf, wenn ich meinen Namen, Beruf und Stellung … nenne. Oh! Diese erbärmlichen Feiglinge!“ (Briefauszüge zit. nach Klein, S. 69ff.). Unter diesen Umständen gelang ihm auch sein Versuch nicht, sich als Vertreter für Seifen und Waschmittel einen hinreichenden Nebenverdienst zu schaffen oder sich sogar eine neue Existenz aufzubauen. Seine Tochter Adelheid, die ihm dabei half, erinnerte sich später: „So zog ich mit Musterköfferchen treppauf und –ab und natürlich waren unsere wenigen Kunden aus der Arbeiterschaft. Überall hieß es aus anderen Kreisen: ‚Pst, Tür zu, von denen dürfen wir nichts kaufen‘.“ (HHStAW Entschädigungsakten). Richard Hauschildts Versuch, die Familie als ambulanter Händler durchzubringen, scheiterte an Terror und Gewalt. Die Gestapo beobachtete seine Wege, die Nazis drohten Kunden, nicht noch einmal etwas von ihm zu kaufen. Willi Goethe erinnerte sich später: „R. H. hat mir des öfteren mitgeteilt, dass er auf den Wegen bei der Verteilung seiner Seife von Kasseler Nazis, die ihn noch sehr gut von seiner früheren Tätigkeit in Kassel her kannten, auf der Straße geschmäht und beleidigt wurde. R. H. erzählte auch damals, er vermeide schon jeden Weg durch die Straßen der Stadt Kassel, um nicht gesehen zu werden.“ (HHStA W, a.a.O. | StadtA Kassel S1 3207)

Am 6. Dezember 1934 schied Richard Hauschildt „freiwillig“ aus dem Leben. Wie Willi Goethe sich erinnerte, hatte ihn eine Frau noch einen Tag zuvor auf dem Friedhof sitzen sehen. Er habe geweint und ihr nicht geantwortet. Die inzwischen mit Walter Bremer verheiratete Tochter Ottilie berichtete ihrem Mann über die Trauerfeierlichkeiten:
„Lieber Walter!
Es ist alles so furchtbar tragisch. Hätten wir so etwas je gedacht? Unser armer, unglücklicher Vater. Bei vollem Bewusstsein in den Tod gegangen. Eine arme Natur, in sich verschlossen, hat sich unser geliebter Vater nicht über alles Erlittene hinwegsetzen können.
Die Einäscherungsfeier war überwältigend. Das Krematorium war überfüllt. Es war wie eine große Demonstration. Es hatte nur eine kleine Annonce in einer Sonntagszeitung gestanden, aber die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund verbreitet. Die Gedenkrede hielt Vaters Kollege aus seiner Kasseler Redakteurzeit, der spätere Landrat Häring. Er selbst hat so geweint, dass er die Rede immer auf Minuten unterbrechen musste. Als er zu Anfang sagte, dass alle in den letzten Tagen, Wochen und Monaten erlebt haben, wie er um sein täglich Brot den Kampf geführt habe, ging durch das ganze Krematorium ein Schluchzen und kein Auge war tränenleer ... Großmutter hatte allein für sich einen Kranz mit roter Schleife. Alle anderen Kränze waren in weiß gehalten...“

(zit. nach Klein, S. 83).

In Strausberg erinnert heute eine Gedenktafel an den von den Nazis in den Tod getriebenen Sozialdemokraten.
Stolpersteine in Kassel e. V. verlegte am 5. März 2018 zusammen mit Gunter Demnig einen Stolperstein für ihn.


Quellen und Literatur

HHStA W, 518 Nr. 7498, 63707, 14706 (Entschädigungsakten)
StadtA Kassel, S1 3207 | A 3.35 Sterbeurkunde
Klein, Horst (Hg.): Richard Hauschildt (1876-1934). Spuren eines sozialdemokratischen Lebens und Kampfes für eine bessere Welt, 2. Aufl. Strausberg 2014
Seger, Gerhart: Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, Karlsbad 1934 (Auszüge daraus in: Klein, a.a.O.)
Lengemann, Jochen: Bürgerrepräsentation und Stadtregierung in Kassel 1835-2006, Marburg 2009
Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert, hg. vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Marburg 2000
Höpken, Jürgen: Die Geschichte der Kasseler Arbeiterbewegung 1914-1922 (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 49), Darmstadt und Marburg 1983
Matthäus, Wolfgang (Hg): Heimatfront. Kassel und der Erste Weltkrieg, Kassel 2012
http://www.stiftung-bg.de/kz-oranienburg/index.php?id=55
https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Hauschildt


Die Familienfotos aus dem Besitz von Heidi Berlin, der Tochter Richard Hauschildts, sind der Publikation von Horst Klein entnommen.

Wolfgang Matthäus
Februar 2018

 

Die Ziele des Vereins

TERMINE  2018

18.2.12:00

wegen des anhaltenden Erfolgs dritte Aufführung im Bali-Kino

Film:  Wir sind Juden aus Breslau

Informationen hier

4.3.2018

17.00 Uhr

Synagoge Bremer Straße

 

Konzert des Shalom Chors Berlin

5.3.2018

Verlegung von Stolpersteinen

Liste der Steine und Ablaufplan hier