Bella, Lea Rosa und Leo Mahr

Oberste Gasse 14 (früher 12)

Bella Treff und Leo Mahr sind 1916 aus Polen nach Kassel gekommen. Sie stammten aus Kleinstädten mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil.

Bella ist am 17.12.1888 in Dukla im Süden Polens geboren. Zu Leo Mahr lesen wir im Kasseler Gedenk­buch: Textilkaufmann, am 8.12.1891 in Kalusz/Polen (heute Ukraine) geboren. Leo besuchte die Volksschule und anschließend eine Talmud-Thoraschule. Nach kauf­männischer Lehre war er in Polen und Deutschland tätig.

1917 haben Leo und Bella in Kassel geheiratet und zuerst in der Gießbergstraße gewohnt.

Das Ehepaar hatte 6 Kinder: Rachel wurde 1918 geboren, Esther 1919, die Zwillinge Cilla und Sara 1921, Hermann 1924 und Lea Rosa am 15.1.1928. Alle zu­sammen haben ab 1923 in Kassel, Oberste Gasse 12 gewohnt. Sie waren Eigentümer eines mit 8 Metern Straßenfront sehr schmalen Hauses. Das gesamte Quartier ist im Bombenhagel des Jahres 1943 in Schutt und Asche gefallen.

Laut Adressbuch von 1930 betrie­ben die Mahrs im Erdgeschoß eine Kurzwaren-Großhandlung. Der Eintrag „Telefon 4179“ deutet darauf hin, dass das Geschäft zufriedenstellend lief. Im 1. Stock war ihre Wohnung. Die Wohnung im 2. Stock war an die Witwe Anna Bühl vermietet. Im 3. Stock wohnte die Invalidin Anna Rudolph. Unter Kurzwaren verstand man Nähzubehör, wie Knöpfe, Zwirne, Schnallen, Nadeln und Reißverschlüsse. Alles Artikel, die nicht mit der Elle gemessen wurden. Die Hauptkundschaft des Mahr‘schen Großhandels dürften Hausierer gewesen sein.

 

Mit der Machtübernahme der Nazis in 1933 begann für die jüdische Familie Mahr die Verfolgungszeit. Die Boykottmaßnahmen hatten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts zur Folge. Vater Leo Mahr sah sich aus diesen Gründen veranlasst, am 3. Juli 1935 nach Antwerpen/Belgien zu gehen.

Mutter Bella blieb mit den Kindern in Kassel. Ein Jahr später musste sie Haus und Geschäft aufgeben. Um sich über Wasser zu halten, war sie gezwungen, beides zu Schleuderpreisen abzugeben. In der Artilleriestraße 9, Hinterhaus findet sie Unterschlupf mit den Kindern Esther (17), Cilla (15), Hermann (12) und Lea (8).

Im Jahr Oktober 1938 wurden Bella und ihre Kinder im Rahmen der „Polenaktion“ aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Sie gehörten zu den etwa 15000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit, die binnen weniger Tage an die deutsch-polnische Grenze gebracht wurden. Viele von ihnen konnten ins Landesinnere weiterreisen. Bella und Rosa Mahr nicht, sie mussten nach Kassel zurückkeh­ren. Ihre letzte Kasseler Adresse vom Mai bis Juli 1939 war in den Judenbaracken an der Zentgrafenstraße in Kirchditmold. Von hier aus sind Bella und ihre Tochter Lea Rosa noch vor Kriegsbeginn erneut nach Polen abgeschoben worden. Nach dem Überfall der Wehrmacht sind sie verhaftet worden und an unterschied­lichen Orten ermordet worden. Ob sie vorher noch Kontakt zu Ehemann und Vater Leo hatten, ist ungeklärt.

Zu Leo Mahrs Schicksal wird übereinstimmend berichtet, dass er 1937 nach Katowice ging, damals Zentrum der autonomen Wojewodschaft Schlesien in Polen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde er verhaftet, nach Lemberg deportiert und ermordet.

Die Kinder Rachel, Esther und Sara konnten aus Deutschland fliehen und haben in Palästina, später Israel gelebt. Cilla konnte nach USA und Hermann nach England flüchten. Auf welchen Wegen sie der Vernichtung entgangen sind, ist nicht bekannt.

 

Inbal Bdolach aus Berlin hat die Stolpersteine angeregt. Leo und Bella sind seine Urgroßeltern, Lea Rosa seine Großtante.

 

Quellen:

 

Namen und Schicksale der Juden Kassels, 1986

StA Kassel A 3.32 HB 31 für Artilleriestraße 9

Adressbuch Kassel 1930

HHStAW Best. 518 20044 (Entschädigungsakte Mahr)

Die Fotos stammen von Inbal Bdolach.

 

Jochen Boczkowski, März 2016

 

 

 

 

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