Cilly, Isaak, Heinz Hermann, Siegfried und Benjamin Ziering

                                                                        Pferdemarkt 12 / 14

Als wir im Jahr 2014 die Stolpersteine für die zweijährige Jutti Ziering und ihre Mutter Zilla, geborene Spatz verlegt haben, ist uns schon aufgefallen, dass es noch weitere Angehörige der Familie gab. Aber zum einen lag unser Fokus auf den Kindern und zum anderen glaubten wir damals noch, dass Stolpersteine nicht für Überlebende gelegt werden.

Dadurch haben wir uns mit dem Vater von Jutti und den anderen Familienmitgliedern nicht weiter beschäftigt. Mittlerweile sehen wir einiges anders. So haben wir mittlerweile etliche Steine für Menschen, die das Grauen der Vernichtungslager überleben konnten oder die sich der Vernichtung durch Flucht haben entziehen können, mit Stolpersteinen geehrt.

Als sich im letzten Jahr überlebende Angehörige der Familie Ziering an uns gewendet haben und wissen wollten, ob wir auch für weitere Familienangehörige Stolpersteine verlegen könnten, haben wir uns mit den bisher übersehenen Familienmitgliedern beschäftigt.

So kommt es heute dazu, dass wir 7 weitere Stolpersteine verlegen, an drei Stellen:             

       in der Schillerstraße 7 für Leo, den Vater der kleinen Jutti,

                 in der Jägerstraße 1 für Leos Schwester Anna und ihren Ehemann

und hier am Pferdemarkt für Leos Brüder Isaak und Benjamin, Isaaks Frau Cilly und deren Söhne Heinz Hermann und Siegfried.

Die Zierings stammen aus Kalusz (deutsch: Kalusch), einer ukrainischen Stadt am Fuße der Karpaten. Kalusz gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu Österreich-Ungarn, wurde zerstört und fiel nach dem sowjetisch-polnischen Krieg (1921-23) an Polen.

Tzvi Khaim Ziering und Rivka Nussbaum hatten 4 Söhne und eine Tochter, die alle in Kalusz geboren und dort aufgewachsen sind; Joseph (*1.4.1888), Isaak (*23.11.1895), Leo Leib (* 3.12.1900), Benjamin Benno (*10.3.1903) und Anna Channa (*20.4.1907). Als Kalusz nach dem Krieg an Polen fiel, sind alle fünf Geschwister nach Deutschland ausgewandert. Während Joseph nach Hannover ging, trafen sich die vier deutlich jüngeren Geschwister in Kassel. Die Eltern blieben zurück. Erst nach dem Tod des Vaters in 1929 zog die Mutter zu ihren Kindern nach Kassel.

Isaak war 1895 geboren und damals 25 Jahre alt. Noch in der Vorkriegszeit hatte Isaak Ziering die Schule besucht, mit dem „Einjährigen“ (entspricht der Mittleren Reife) abgeschlossen und eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Im Ersten Weltkrieg hat er in einem österreichischen Ulanenregiment gedient und an der rumänischen und italienischen Grenze gekämpft.

1920 ist Isaak erstmals in Kassel gemeldet, zieht 1822 nach Göttingen und weiter nach Dortmund. Dort lernt er Cilly Frisch kennen, die aus Rosniatow in Galizien (geboren am 27.7. 1901) stammt und ein Schuhgeschäft in Waltrop betreibt.  1926 kommen sie nach Kassel zurück und heiraten am Heiligabend des Jahres. Isaak arbeitet zunächst als „Reisender“ und handelt mit Textilien. Ende der zwanziger Jahre kommen seine Brüder Leo und Benno nach Kassel und er betreibt mit ihnen ein Einzelhandelsgeschäft. Zunächst verkauft er Bilder und Drucke, später mit den Brüdern vor allem Textilien. Die längste Zeit war ihr Geschäft und auch der gemeinsame Wohnsitz im Haus Pferdemarkt 28 (1932 – 36). Mit Benno wohnt Isaak zuvor in der Entengasse und nach 1936 in der Tränkepforte ½. Isaak und Cilly haben zwei Söhne: Heinz Hermann (geboren am 11.12.1926) und Siegfried (geboren am 20.3.1928). Isaak war angesehen, setzte sich für das Gemeinwohl ein, war Vorstand der Jüdischen Gemeinde und der jüdischen Schule, hatte auch andere ehrenamtliche Posten. In Verein der ostpolnischen Juden („Minjans“ / Ajudas Achim“) hatte er den Vorsitz. Sie beschäftigen eine Hausangestellte und ihre Söhne besuchen die jüdische Schule in der Rosenstraße.

Bei den Novemberpogromen 1938 wurde auch Isaaks Textilgeschäft am Graben 68 „von der Menge zerschlagen und geplündert“.

Damit nicht genug. Am 4. Dezember wurde er gezwungen, seinen gültigen Pass an das polnische Konsulat in Frankfurt zu schicken, angeblich für einen notwendigen Stempel. Anfang Mai 39 wurde ihm angedroht, dass er ausgewiesen und abgeschoben werde, wenn er keinen gültigen Pass vorzeigen könnte. Auch beim persönlichen Vorsprechen beim Generalkonsul in Frankfurt erhielt er den Pass nicht zurück, sondern wurde mit beschwichtigenden Worten vertröstet.

Am 22. Mai 1939 wird Isaak verhaftet und mit 22 weiteren polnischen Juden an die polnische Grenze gebracht. Das was mit ihnen passiert, erinnert stark an die sogenannte Polenaktion im Oktober 1938 *.

Die polnischen Behörden waren nicht informiert und reagierten regional sehr unterschiedlich.

Von Isaak Ziering gibt es einen schriftlichen Bericht, der zeigt, dass die Betroffenen einfach ausgesetzt wurden, ohne Papiere und ohne irgendwelche Informationen (mit Lebensmittel für zwei Tage) und sich selbst überlassen waren. Teilweise wurden sie wegen fehlender Papiere (die Ausweise, die sie hatten, waren von den deutschen Behörden ungültig gemacht worden) eingesperrt. Benjamin z.B. war drei Wochen in Oels (in Niederschlesien) im Gefängnis.

Isaak erzählt, dass er mehrere Wochen im Niemandsland gelebt hat und dann mit seinem Bruder Benjamin von Berlin nach England geflohen ist. Dort angekommen erkrankte er an Gelbsucht und musste ein halbes Jahr im Krankenhaus behandelt werden. Nach der Entlassung arbeitete er mehrere Jahre als Buchhalter.

Isaaks Frau Cilly musste 1939 zusammen mit ihren elf und zwölf Jahre alten Söhnen Heinz Hermann und Siegfried in Kassel zurückbleiben. Sie arbeitete in einer Kartonfabrik und erhielt Unterstützung durch eine Wohlfahrtsorganisation. Als im Jahr 1941 die systematische Vertreibung der jüdischen Bevölkerung begonnen wurde, waren die in Kassel verbliebenen Mitglieder der Famile Ziering davon betroffen. Am 9. Dezember 1941, zwei Tage vor Heinz Hermanns 15. Geburtstag, wurden sie zusammen mit mehr als tausend weiteren Mitbürgern vom Kasseler Hauptbahnhof in das Getto Riga deportiert. Der jüngere Bruder Siggi war da gerade 13 Jahre alt.

Es lagen noch vier lange Jahre vor ihnen, die sie in verschiedenen Lagern verbringen mussten mit schwerer Zwangsarbeit, bei schlechter Ernährung und teilweise unter schweren Misshandlungen.

Trotzdem konnten sie die Jahre bis zum Kriegsende durchstehen. Sicherlich trug der familiäre Zusammenhalt wesentlich dazu bei. Bis 1943 hatten die Brüder auch noch Kontakt zu ihrer Schwester Zilla und deren kleinen Tochter Jutti, die nicht überleben konnten (und für die in der Schillerstraße 7 schon seit 5 Jahren Stolpersteine liegen).                                                                                                                                                                  1943 kamen Cilly und ihre zwei Söhne ins Konzentrationslager Kaiserwald, das keine Vernichtungslager wie Treblinka oder Auschwitz war. Hier mussten die Insassen für deutsche Großfirmen, z.B. AEG, Zwangsarbeit leisten. Nur von Wassersuppe ernährt, musste Cilly bei Wind und Wetter Schiffe be- und entladen. Dabei ist es zu einem schweren „Unfall“ gekommen, der Cilly fast das Leben gekostet hätte.

 

Cilly ist, an einer Strickleiter hängend, von einem Aufseher so heftig geschlagen worden, dass sie mehrere Meter tief abstürzte. Rippenbrüche, Quetschungen, eine tiefe Kopfwunde und ausgeschlagene Zähne waren die Folgen. Eine medizinische Versorgung gab es nicht. Jedoch gelang es ihren Lagergenossen, sie 12 Wochen lang, in denen sie nicht arbeiten konnte, versteckt zu halten, sie zu pflegen und mit Nahrung zu versorgen.

Noch mehrmals hatten die Zierings am Kriegsende „Glück“. Sie befanden sich in Libau** / Liepaja an der lettischen Küste   Die Heeresverbände sind vor den einmarschierenden Sowjets geflohen bzw. evakuiert worden und haben wohl einen Teil der Häftlinge mitgenommen. So kamen sie im Februar 1945 in das Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel, von wo aus sie am 11.April zu einem 100 km langen Fußmarsch in ein Arbeitslager in Kiel gezwungen wurden, den Cilly trotz ihrer Verletzungen überlebt hat

                    Siegfried Ziering
Siegfried Ziering

Siegfried schildert in seinem Brief, dass sie in Fuhlsbüttel Glück hatten, weil nach dem Alphabet Häftlinge ausgewählt wurden, die nach Bergen Belsen kamen (Z ist ganz hinten im Alphabet). Er nennt als nächste Station Kiel-Russee. Dort befand sich das Arbeitserziehungslager NORDMARK***.      

 

Das schwedische Rote Kreuz (Rettungsaktion Weiße Busse****) hat sie am 2. Mai 1945 befreit und nach Stockholm gebracht. Dort blieben sie bis 1946.   

Isaak Ziering, der ja 1939 Deutschland hatte verlassen können und als Buchhalter arbeitete, ließ 1946 seine Frau und seine beiden Söhne zu sich nach England. Zusammen emigrierten sie 1949 in die USA. 

 


Benjamin Benno Ziering wurde am 10.3.1903 in Kalusz geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine Schneiderlehre. In den zwanziger Jahren ist er mit seinen Geschwistern nach Kassel gekommen. 1927 war er im Graben 57 gemeldet und betrieb dort ein Bildhauergeschäft. Später handelte er mit Bildern und hatte ein Ladengeschäft in der Mittelgasse 33 (1930), Entengasse 29 (1931), Untere Königsstraße 66 (1932) und Pferdemarkt 28 (1933-36). An anderer Stelle heißt es, er habe ein gut gehendes „Ladengeschäft für Schnittware und Bettwäsche“ betrieben, mit auf Provision arbeitenden Reisenden, später: Textilwarendetailgeschäft mit einem Angestellten.                                     Im Jahr 1938 wurde er nach Polen ausgewiesen, von dort aber wieder zurückgeschickt. Schließlich gelang es Benjamin am 28. August 1939 nach England zu flüchten. Eigentlich wollte er direkt in die USA, musste aber in England warten, weil er die polnische Quotennummer nicht rasch genug erhalten hat, und konnte erst 1950 weiterreisen.

Alle Zierings, für die wir hier Stolpersteine verlegen, haben den Terror des NS-Regimes überlebt. Die grauenvollen Misshandlungen und Demütigungen hatten aber schwere Leiden zur Folge, körperlicher und seelischer Art. Dennoch wurden sie teilweise sehr alt, Cilly sogar 100 Jahre alt.

 

Isaak starb am 21.4.1958 in Jerusalem (63),  Benjamin am 1.10.1966 (63), Siegfried am 12.11.2000 (78), (Cilly am 11.11.2992 in Beverly Hills (100) und Heinz Hermann am 11.11.2005 in Jerusalem. Heinz Hermann hat 4 Kinder hinterlassen und Siegfried 3

* Polenaktion Ende Oktober 1938 wurden auf Anweisung Heinrich Himmlers 17.000 Bürger polnischer Herkunft verhaftet, zunächst in Gefängnissen und Sammellagern festgehalten und dann mit bewachten Sonderzügen über die Grenze (bei Zbąszyń (Bentschen), Chojnice (Konitz) in Pommern und Beuthen in Oberschlesien) abgeschoben.

** Massaker in Liepāja bezeichnen eine Serie von Massentötungen durch die deutsche Wehrmacht, die Einsatzkommandos der SS/Polizei und dem lettischen Selbstschutz (Hilfstruppe der Besatzungsmacht) im Zweiten Weltkrieg bei und in der lettischen Stadt Liepāja (deutscher Name: Libau). Die meisten der etwa 7000 ansässigen lettischen Juden wurden dabei erschossen.[1] Nur etwa 800 überlebende Juden wurden 1942 und 1943 in einem abgesperrten Bereich gefangen gehalten, um Zwangsarbeit zu verrichten. Die Zierings hatten "Glück". 

*** Das Arbeitserziehungslager Nordmark war ein Arbeitserziehungslager am Stadtrand von Kiel. Es bestand vom Juni 1944 bis zum 4. Mai 1945. Mitte April 1945 befanden sich etwa 900 Häftlinge in dem Lager, das durch Evakuierungsmärsche mit 1.800 Gefangenen belegt wurde. Die Gefangenen kamen u. a. aus dem KZ-Außenlager Fuhlsbüttel, einem Außenlager des KZ Neuengamme, und aus dem Ghetto Riga.

 

**** Durch Weiße Busse, weiß gestrichene und mit Rot-Kreuz-Zeichen markierte Fahrzeuge unter schwedischer Flagge, wurden ab März 1945 rund 15.000 überwiegend norwegische und dänische Häftlinge aus deutschen Konzentrationslagern nach Skandinavien in Sicherheit gebracht. Der Vize-Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes Folke Bernadotte hatte diese humanitären Rettungsaktionen ab März 1945 mit Walter Schellenberg und Heinrich Himmler persönlich vereinbart.

Quellen:

Stadtarchiv KS, Hausstandsbücher Bestand A 3.32 HB 87, 102, 223, 235, 295, 456, 508, 535, 596, 675

International Tracing Center Bad Arolsen https://digitalcollections.its-arolsen.org/

Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden 518/ Nr. 467 / 3518, 518/ 72384, 518 / 72386, 518 / 93569, 518 / 93570

Hessisches Staatsarchiv Marburg, HSTAM 270 KS Nr. 6263, 7171, 5108

B. Kleinert und W.Prinz: Namen und Schicksale der Juden Kassels – 1933 bis 1945, Kassel 1986

Helmut Thiele: Die jüdischen Einwohner zu Kassel, Kassel 2006

Gedenkbuch Bundesarchiv https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch

www.yadvashem.org 

 

Jürgen Strube  Oktober 2020

Die Ziele des Vereins

TERMINE  2020

Dienstag, 27. 10.2020

18:00  Kirche im Hof

Friedrich-Ebert-Straße 102

 

Jahreshauptversammlung der Vereinsmitglieder

ABGESAGT UND VERSCHOBEN

Stolpersteine putzen

7.-9. November an 107 Stellen 

Die Produktion von Stolpersteinen geht weiter

Wir in Kassel planen wieder           

 

4. Dezember 2020  Stolpersteinverlegungen

näheres dazu demnächst unter Termine und Aktuelles