"Es ist eine Schande, dass die Jugend als Kanonenfutter missbraucht wird."

Ernst Reuse

Schmerfeldstraße 6

Verlegung geplant für 23.5.2017

Ernst Reuse war Schlosser, Verwaltungsbeamter und Heimatdichter. Er war SPD-Funktionär und Gewerkschaftsmitglied. Viele Jahre war er Bezirksstellenleiter in Kirchditmold und Harleshausen. Seine aufrechte Gesinnung und sein freundliches Wesen haben ihm viele Freunde verschafft, heißt es in seiner Todesanzeige im Jahr 1963. Aufopferungsvoll habe er sich daneben als Heimatforscher und Schriftsteller um die Aufhellung der Geschichte des Stadtteils bemüht. Dafür ist er bereits im Jahre 1976 mit der Benennung einer Straße gewürdigt worden.

An dieser Stelle aber soll vor allem daran erinnert werden, dass er kurz vor Kriegsende wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet wurde, ein halbes Jahr im Gefängnis verbracht hat und einer Verurteilung zum Tode nur knapp entrinnen konnte. Reuse hatte in einem Gespräch mit einer Nachbarin, deren 18jährige Tochter in 1944 an den Westwall einberufen werden sollte, geäußert, dass es unverantwortlich sei, die Jugend einer solchen Gefahr auszusetzen. „Es ist eine Schande, dass die Jugend als Kanonenfutter missbraucht wird,“ so soll er sich geäußert haben.

Ernst Reuse wurde am 30. 11. 1899 in Holzhausen am Reinhardswald geboren. Ab 1906 wohnte er in Kassel-Kirchditmold in der Bardelebenstraße. 1914 wurde er konfirmiert und beendete die Volksschule. Danach absolvierte er eine Schlosserlehre bei Henschel und arbeitete bis 1925 dort als Schlosser.


Er lernte Anna Lück aus Hann-Münden (geb. 22.2.1902) kennen und heiratete sie in 1924. Drei Jahre später zogen sie in die Schmerfeldstraße 6 ein, wo ein Jahr später am 2.3.1928 ihre Tochter Gisela geboren wurde. 

Von 1925 bis 1933 war er als Expedient beim „Kasseler Volksblatt" tätig. Nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit fand er eine Anstellung als Feinmechaniker bei der Firma A.W.Enke.

Im Jahre 1944 wurde er denunziert, verhaftet und der Wehrkraftzersetzung beschuldigt. Nach drei Monaten Haft in der Kasseler „Elwe“ wurde er im Januar 1945 nach Jena verlegt, wo ihm der Prozess gemacht werden sollte. Der zu erwartenden Todesstrafe entging Reuse nur, weil der ihm wohlgesonnene Richter die Verhandlung solange hinauszögerte - indem er zweimal auf Vertagung und dem Erscheinen von weiteren Zeugen bestand -, bis das Terrorregime zusammenbrach. Ernst Reuse wurde am 5.4.1945 aus dem Gefängnis entlassen und kehrte in einem mehrwöchigen Fußmarsch nach Kassel zurück.

Als er Ende Mai 1945 in Kirchditmold ankam, fand er seine Familie nicht mehr vor. Die Wohnung in der Schmerfeldstraße war am 8.3.1945 bei einem Angriff zerstört und seine Familie war nach Holzhausen evakuiert worden. Ernst Reuse wohnte zunächst in der Riedwiesenstraße 18, bevor die Familie in der Teichstraße 43 eine neue Bleibe fand. Im Juli 1945 wurde Ernst Reuse in den Dienst der Stadt Kassel bestellt, zunächst in der Lebensmittelkarten-Abteilung, später wurde er Leiter des Bezirksamtes Kirchditmold und schließlich auch von Harleshausen. Ernst Reuse war auch Stadtverordneter (bis 1952) und Schiedsmann. Am 22.2.1963 ist er nach schwerer Krankheit in seiner neuen Wohnung in der Teichstraße 43 gestorben.

Neben dem politischen und beruflichen Engagement hat sich Reuse auch literarisch betätigt. Neben einer Kirchditmolder Chronik hat er zwei Schauspiele und zahlreiche Gedichte verfasst. Ein erstes „Frühlingsgedicht“ hatte er als Dreizehnjähriger bei einer Schulveranstaltung vorgetragen. Der Erfolg bei seinen Mitschülern und das Lob des Rektors waren wohl der Ansporn, von diesem Hobby bis zu seinem Lebensende nicht zu lassen. Reuse hat später die Rolle eines Kirchditmolder „Hauspoeten“ übernommen. Für Feiern des Roten Kreuzes, der Fußballer des VfL Kassel und für andere Vereine hat er seine „Gebrauchsgedichte“, Sketche und Balladen verfasst und auch selbst vorgetragen. Die Jahreszeiten und die Schönheit seiner nordhessichen Heimat waren zumeist Thema seiner Gedichte, die Sprache war einfach, aber ehrlich und direkt. 1950 wurde sein Kirchditmolder Festspiel „Das Zentgrafengericht“ und 1956 sein Spiel „Vor fünfzig Jahren“ aufgeführt, während sein Zisselspiel “Un morjen gehd´s zom Zissel ruß“ unaufgeführt blieb. Nur weniges aus seiner Feder liegt in gedruckter Form vor, eine zusammenfassende Würdigung der Fülle seines literarischen Schaffens steht noch aus. Aus Anlass der 1100-Jahr-Feier der Stadt Kassel im Jahr 1913 kam es zu einer Lesung einer Reihe seiner Gedichte in der Bücherei Kirchditmold. Helge Tismer hat dafür das Privatarchiv“ von Gisela Reuse-Drawert, der jüngst verstorbenen Tochter Reuses „plündern“ dürfen. Dabei kamen auch eine Kladde mit Gedichten aus der Zeit des Dritten Reichs zum Vorschein, die (zumindest damals) nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, sondern im Gegenteil sorgfältig versteckt wurden, zeigen sie doch deutlich, wie Reuse zum Hitler-Regime stand. Ob sie jemals – etwa im Kreise von Freunden – vorgetragen wurden, wissen wir nicht.

Zwei davon werden hier vorgestellt.

 

Jürgen Strube April 2017

 

 

Quellen: 

Stadtarchiv Kassel Bestand A 3.35 Meldekartei                                     Adressbücher Kassel verschiedene Jahrgänge

Hausstandsbuch Stadt Kassel HSB 552                                                    Walter Klonk: Kirchditmold. Von den Anfängen bis …  Kassel 2015

 

Privatarchiv Gisela Reuse-Drawert                                                           Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden  Akten 518. 5852

 

Die Ziele des Vereins

TERMINE  2018

Mi 25.4.18 | 18.00 Uhr

Museum für Sepulkralkultur

Margot Friedländer
als Zeitzeugin zu Gast
Lesung und Gespräch

Margot Friedländer ist Holocaust-Überlebende und 96 Jahre alt. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden in Auschwitz ermordet. Sie erlebte Verfolgung und Krieg im Berliner Untergrund sowie im KZ Theresienstadt.
Nach diesem Horror emigrierte sie 1946 in die USA. Frau Friedländer lebte in New York, bis sie nach über sechzig Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Verlegung von weiteren Stolpersteinen

24.5.2018

14.6.2018

Spaziergänge auf den Spuren jüdischen Lebens

Zahlreiche jüdische Bürgerinnen und Bürger lebten in Kassel, ehe ein seit 1933 entfesselter Antisemitismus sie zunehmend entrechtete, ihre Heimat zu verlassen zwang, in den Tod trieb und ermordete. Die Spaziergänge mit Wolfgang Matthäus führen zu Orten, die von ihnen geprägt wurden, an sie erinnern oder mit ihrer Verfolgung verbunden sind. Zeitgenössische Fotos ergänzen die Anschauung vor Ort heute.

 

In Kooperation mit den Vereinen Kassel-West und Gegen Vergessen - Für Demokratie

 

 

 

Von der Annastraße zum August-Bebel-Platz

 

5.5.2018 - 15.30 Uhr | Treffpunkt: Tramhaltestelle Annastraße (stadteinwärts) | Ende am August-Bebel-Platz | Dauer ca. 90-120 Min.

 

 

 

Auf den Spuren  des Stadtteilgründers Sigmund Aschrott

 

12.5.2018 - 15.30 Uhr | Treffpunkt Parkstraße Ecke Westendstraße

 

Ende: Aschrottpark | Dauer ca. 90-120 Min.

 

 

 

Von der Annastraße zur Synagoge

 

19.5.2018 -15.30 Uhr | Treffpunkt: Tramhaltestelle Annastraße (stadteinwärts) | Ende in der unteren Königsstraße | Dauer ca. 90-120 Min.

 

 

 

Vom Königstor zum Kulturbahnhof

 

26.5.2018 - 15.30 Uhr | Treffpunkt vor dem ehemaligen Polizeipräsidum im Königstor | Ende im Kulturbahnhof | Dauer ca. 90 Min.

 

 

 

Alle Veranstaltungen sind kostenlos.

 

Um eine Spende wird gebeten.

 

7.6.2018 19 Uhr

Jahreshauptversammlung