Richard Altschul

Rengershäuser Straße 46

Richard und Martha Altschul
Richard und Martha Altschul

geboren am 14.03.1873 in Wien

 

ermordet am 30.10.1943 im Vernichtungslager Auschwitz

 

 

 

Richard Altschul wurde als Sohn seiner jüdischen Eltern Edward und Amalie Altschul, geborene Neustadt, in Wien geboren. Er wuchs im jüdischen Milieu Wiens bei seinen Großeltern auf und besuchte dort die Volksschule.

Nach erfolgreicher Beendigung seiner Schulzeit machte Richard Altschul eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und zog deshalb zu seinem Vater nach Budapest. In Chemnitz erhielt Richard Altschul eine Anstellung nach seiner Lehre und nahm Kontakt zu einer christlichen Gemeinde auf. Als er nach Hamburg ging, schloss er sich der Judenmission an und ließ sich am 11.11.1900 taufen. Er wurde auf das neugegründete Hessische Brüderhaus in Treysa aufmerksam, trat dort ein und ließ sich ab 1902 zum Diakon ausbilden. Am 29.10.1905 wurde er als Diakon eingesegnet.

Inzwischen heiratete er Martha, geborene Schlup. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Heinrich, Karl und Margarethe.

Von 1906 bis 1933 war Richard Altschul Hausvater und Leiter des städtischen Alten- und Siechenhauses „Vor dem Brückentor“ in Eschwege, wo auf seine Anregung hin 1912 eine Kapelle eingerichtet wurde. Darüber hinaus kümmerte er sich um Seuchen und ansteckende Krankheiten im Amtsbezirk. Richard Altschul hatte in Eschwege auch Kontakte zur jüdischen Wohlfahrtspflege. Seine Frau Martha unterstützte ihn bei seinen Tätigkeiten, so dass die Familie hohe Anerkennung in Eschwege genoss.

Als er 1913 Beamter der Stadt Eschwege wurde, kam es zu Zwistigkeiten mit Hephata in deren Folge Richard Altschul der Austritt aus dem Brüderhaus aufgezwungen wurde. Richard Altschuls Bemühungen um Aufnahme im Deutschen Diakonenverband und sein Antrag auf Wiederaufnahme im Hessischen Brüderhaus Hephata waren erst 1922 erfolgreich.

Nachdem der Sohn Heinrich am 15. Januar 1933 an einem Nervenzusammenbruch starb, versetzt die Stadt Eschwege Richard Altschul, 60-jährig, am 01.12.1933 in den Ruhestand.

Gemeinsam mit seiner Frau Martha und den Kindern Margarethe und Karl zog er in die Rengershäuser Straße 46 in Kassel-Oberzwehren. Die Wohnung befand sich im 1. Stock. In Hephata wirkte das Ehepaar in der folgenden Zeit häufig noch als Aushilfe.

Nachdem sich die Deutsche Diakonenschaft jedoch den herrschenden national-sozialistischen Ideologien anpasste, entsprechend mehr Mitarbeiter und Brüder Hephatas in NS-Organisationen aktiv waren, wurde die Stellung Richard Altschuls als „nichtarischer Christ“ innerhalb Hephatas immer kritischer. (Hinweis: Am 07.04.1933 war der sog. „Arierparagraph“ von der NS-Regierung erlassen worden.)

Nach der Verlegung Behinderter im Rahmen der Vorbereitungen der „NS-Euthanasie-Aktionen“ in Hephata und der Pogromstimmung in Treysa stieß der Brüderrat Richard Altschul zum 30.06.1939 aus der brüderlichen Gemeinschaft aus. Er selbst erklärte seinen Austritt nie förmlich, sondern hielt weiterhin Kontakt zu einigen ausgewählten Diakonen. In Zeiten schwerster Not fühlte er sich jedoch treulos verlassen und getäuscht. Sein Sohn Karl ging nach Sao Paulo in Brasilien, die Tochter Margarethe heiratete und wurde Frau Mende.

 

Deckel der Häftlingsakte von Richard Altschul
Deckel der Häftlingsakte von Richard Altschul

Am 4. Dezember 1942 wurde Richard Altschul von Beamten der Geheimen Staatspolizeistelle Kassel – vermutlich in seiner Wohnung in Oberzwehren – in „Schutzhaft“ genommen und in das Arbeitserziehungslager in Guxhagen-Breitenau gebracht. In seiner erhaltenen Häftlingsakte ist als Haftgrund angegeben, dass er weiterhin „nicht im Besitz einer jüdischen Kennkarte“ sei, „den deutschen Gruß“ erweise und „Umgang mit Deutschblütigen“ pflege. Seine Frau Martha hielt über Richard Altschuls Leidenszeit den Kontakt zu den vertrauten Diakonen in Hephata und in die Haftanstalt Breitenau. In der Häftlingsakte sind einige Briefe erhalten, so wie unter anderem auch der „Abmeldeschein für den Lebensmittelkartenbezug bei Aufnahme in Gemeinschaftsverpflegung“, den Martha unterschreiben musste.

Über acht Monate musste Richard Altschul die Drangsal der Haft in Breitenau ertragen. Am 16. September 1943 wurde er in das „K.L. Auschwitz“ deportiert, mit der Häftlingsnummer 152373 registriert und 70-jährig am 30.10.1943 ermordet.

Martha Altschul, die in der Rengershäuser Straße 46 bis zu ihrem Tod 1958 wohnte, pflegte bis an ihr Lebensende den Kontakt nach Hephata und sendete regelmäßig Spenden an bedürftige junge Brüder des Hessischen Brüderhauses.

 

 

 

Quellen:

 

Foto aus dem Besitz von Wolfgang Pilz, dem Archiv der Gedenkstätte Breitenau/ Guxhagen übergeben.

Aktendeckel der Häftlingsakte von Richard Altschul: LWV-Archiv-Nummer 4822 im Archiv der Gedenkstätte Breitenau/Guxhagen

Richter, Gunnar (Hg.): Breitenau. Zur Geschichte eines nationalsozialistischen Konzentrations- und Arbeitserziehungslagers, Kassel. 1993

Richter, Gunnar: Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1933 – 1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem. Kassel, 2009

Pilz, Wolfgang: Studien zum deutsch-jüdischen Verhältnis. Kassel, 2001

Schwedhelm, Hermann: Aufarbeitung der Vorgänge um Bruder Altschul. Eine Dokumentation. Schwalmstadt. 2001

Schmerbach, Gerhard: Welche Stellung nimmst du nun zwischen den Fronten ein? Schwalmstadt, 2001

Landeskirchenamt Evangelische Kirche v. Kurhessen-Waldeck (Hg.): Dem Glauben ein Gedächtnis geben: Lebensbilder aus der Kirchengeschichte Kurhessen-Waldecks (Monographia Hassiae)

Klee, Ernst: Auschwitz – Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde: Ein Personenlexikon. Frankfurt a. M. 2003

yvng.yadvashem.org/nameDetails.

 

 

Frank-Matthias Mann, September 2017

 

Die Ziele des Vereins

TERMINE 2017

Veranstaltungen der VHS, bei der wir Kooperationspartner sind

23.11.17 - 19.30 Uhr

Vortrag von Jens Fleming

Die Ministerialbürokratie und die Judenmörder

5 €

24.11.17 - 17.00 Uhr

Filmvorführung

Die Wannseekonferenz

 

30.11.17 - 19.30 Uhr

Vortrag von Gunnar Richter

Die Chefs der Kasseler Gestapo

5 €

 

7.12.17

Buchvorstellung

An Frieda Sichel und ihre Familie erinnern vier Stolpersteine. Sie selbst schrieb 1976 mit "Challenge of the Past" ihre Lebenserinnerungen. Mehr als 40 Jahre später erscheinen diese nun endlich erstmals auf Deutsch im Verlag Hentrich & Hentrich - herausgegeben vom Archiv der deutschen Frauenbewegung und Wolfgang Matthäus von Stolpersteine in Kassel e. V.:

Frieda Sichel, Die Herausforderung der Vergangenheit

Wir stellen das neue Buch vor.

 

7.12.17  19:00 Uhr

Kirche im Hof

Friedrich-Ebert-Straße 102

Teilnahme kostenlos

 

2018

 

voraussichtlich im März

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