Dr. Gertrud, Ruth, Susanne und Wolfgang (William) Hallo

Kölnische Straße 51

Als Gertrud Rubensohn 1922 Rudolf Hallo 1922 heiratete, vertieften beide die Freundschaft zwischen zwei angesehenen jüdischen Familien. In beiden spielten kulturelle Interessen und Bildung eine große Rolle und die Ehepartner begegneten sich intellektuell ebenbürtig.

Gertrud Rubensohn und Rudolf Hallo als Brautpaar und später - Getrud Hallo als junge Frau (Fotos aus Familienbesitz)

Schularchiv der Heinrich-Schütz-Schule
Schularchiv der Heinrich-Schütz-Schule

Die am 24. September 1895 geborene Gertrud Rubensohn war die Tochter von Toni (geb. Hammerschlag) und dem aus Beverungen stammenden Emil Rubensohn, einem erfolgreichen Geschäftsmann im Handel mit Futtermitteln und Juteerzeugnissen sowie dem Betrieb einer Wollwäscherei in Bettenhausen. Sie hatte die Schwestern Hedwig (*16.6.1897) und Elisabeth (*23.8.1900), die bereits 1915 starb. Nachdem in Preußen mit der Reform des Mädchenschulwesens 1908 und in Kassel mit der Errichtung der „Studienanstalt der realgymnasialen Richtung“ (heute Heinrich-Schütz-Schule) 1909 Mädchen erstmals die Möglichkeit eröffnet wurde, das Abitur abzulegen und zu studieren, nutzten Getrud Rubensohns offenbar fortschrittlichen Eltern diese Chance für die Bildung ihrer Töchter. Gertrud bestand 1915 die Reifeprüfung an der Studienanstalt und studierte anschließend an den Universitäten Berlin, München und Göttingen, wo sie 1919/20 provomiert wurde. Sie gehörte damit (wie Frieda Sichel) zu den ersten Kasseler Frauen mit akademischer Bildung. Vor ihrer Hochzeit arbeitete sie als Versicherungsmathematikerin für Osram.  

Gertrud Hallo als junge Frau und im Alter (1983) (Familienalbum)

 

Stadtmuseum Kassel
Stadtmuseum Kassel

Der am 26.09.1896 geborene Rudolf Hallo gehörte einer seit dem 18. Jahrhundert in Kassel ansässigen Hofjuden- und Handwerkerfamilie an, die einen bereits 1816 gegründeten und damit traditionsreichen Malerbetrieb besaß - einer der wenigen jüdischen Handwerksbetriebe in der Stadt mit Filialen in anderen Städten und bis zu 300 Beschäftigten. Seine Eltern waren Wilhelm Hallo (1858–1928) und Henriette, geb. Plaut (1870–1928). Nach dem Abitur am Wilhelmsgymnasium und der Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Sanitäter studierte Rudolf Hallo an der Universität Göttingen Klassische Archäologie und Kunstgeschichte und schloss dies 1923 mit der Promotion ab

 

Nach der Heirat 1922 gingen Gertrud und Rudolf Hallo zunächst nach Frankfurt. Hier übernahm Rudolf von Franz Rosenzweig, einem Freund beider Familien, die Leitung des Freien jüdischen Lehrhauses (einer Einrichtung der Erwachsenenbildung), das dieser wegen einer schweren Erkrankung nicht mehr selbst leiten konnte. Hallo beendete diese Arbeit bereits ein Jahr später auf Grund von Differenzen mit Rosenzweig, blieb ihm aber freundschaftlich verbunden.

 

1923 kehrte das Ehepaar Hallo wieder nach Kassel zurück, wo am 13. Oktober 1923 ihre Tochter Susanne, am 7. September 1926 die Tochter Ruth und am 9. März 1928 der Sohn Wolfgang geboren wurden. Rudolf Hallo arbeitete nun am Hessischen Landesmuseum als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Bibliothekar. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Erforschung der hessischen Kunst- und Kulturgeschichte, insbesondere auch der jüdischen. So entstand unter seiner maßgeblichen Beteiligung im Landesmuseum als eigene Abteilung ein Jüdisches Museum, das mit seinen Zeugnissen jüdischen Lebens (fast ausschließlich Leihgaben) zum Verständnis des Judentums beitragen sollte - vor allem auch für Nichtjuden. Bei dieser Arbeit und seiner umfangreichen publizistischen Tätigkeit war ihm Getrud Hallo eine unverzichtbare Ratgeberin. Die Auflösung des von ihm geschaffenen Jüdischen Museums schon bald nach dem Beginn der NS-Herrschaft erlebte Rudolf Hallo nicht. Er starb auf einer Vortragsreise am 26. Januar 1933 in Hamburg im Alter von nur 36 Jahren.

Susanne, Wolfgang un d Ruth Hallo 1934 (Foto: Aenne Mosbacher - Familienbesitz)
Susanne, Wolfgang un d Ruth Hallo 1934 (Foto: Aenne Mosbacher - Familienbesitz)

Seine Witwe Getrud war beteiligt, als noch vor dem 1. April 1933 zahlreiche der Leihgaben im Jüdischen Museum abgeholt wurden. 1984 schrieb sie dazu: „(Die Leihgaben) wurden (…) ganz kurz vor dem Boykott des 1.4. unverpackt und auf einen Haufen wie auf einem Schuttabladeplatz in das jüdische Gemeindehaus in der Rosenstraße gefahren, ich glaube, bei Nacht und Nebel. Ich wurde von der Gemeinde gebeten, bei der Feststellung der Eigentümer zu helfen. Da wir keine aktenmäßigen Unterlagen hatten, und viele der Eigentümer, private sowohl als Gemeinden und Organisationen, nicht mehr existierten oder sich nicht meldeten, musste die unmögliche Aufgabe sehr bald aufgegeben werden. (…) Das Bild verfolgt mich immer noch." (zit. nach Schmidberner, S. 76)

 

Gertrud Hallo publizierte 1934 posthum das letzte Buch ihres Mannes, eine Biografie über Rudolf Erich Raspe. Noch 1933 zog sie mit ihren drei Kindern aus der Wohnung der Familie in der Thoméstraße in das Haus ihrer Eltern in der Kölnischen Straße 51 (heute dort das Alfred-Delp-Haus), wo sie bis Mai bzw. Juli 1936 lebten, als sie nach Frankfurt/Main zogen. Bis dahin konnten oder wollten die Kinder keine staatliche Schule besuchen, schreibt Gertruds Sohn William (Wolfgang), der wie seine Schwestern dann in Frankfurt Aufnahme im jüdischen „Philanthropin“ fand, der größten und am längsten bestehenden jüdischen Schule in Deutschland. Die Mutter stand nun vor der Aufgabe, den Familienunterhalt zu sichern. Sie arbeitete zeitweise für eine jüdische Beratungseinrichtung und in einer Haushaltungsschule des jüdischen Mädchenheims, wo die Familie in sehr beengten Verhältnissen lebte, die kaum Privatheit zuließen. Das änderte sich erst, als es gelang, ganz in der Nähe des Philanthropin in der Scheffelstraße 24 eine größere Wohnung zu finden. Hier betrieb Gertrud Hallo eine „Pension“ vor allem für auswärtige Schülerinnen des Philanthropin, für deren Betrieb sie auch Hausgehilfinnen beschäftigte. Zum Lebensunterhalt trugen offenbar auch nicht unerhebliche Kapitalerträge bei (zum Beispiel aus Aktien der Jutespinnerei Rubensohn).

In der Frankfurter Zeit versuchte Gertrud Hallo erfolglos, ein Visum zur Ausreise in die USA zu bekommen. Ein Ausweg bot sich nach den Novemberpogromen 1938 an, als die britische Regierung sich bereit erklärte, unbegleitete jüdische Kinder aus Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen aufzunehmen. Bis zum Ende dieser humanitären Aktion waren das etwa 10.000, von denen die allermeisten ihre Eltern nie wiedersehen sollten. Ruth, Susanne und Wolfgang gehörten zu den Kindern, die das Glück hatten, mit diesen Kindertransporten nach England zu entkommen, wo sie in Internaten untergebracht wurden. Darüber hinaus hatten sie auch das Glück, ihre Mutter dort wieder in die Arme nehmen zu können, denn auch ihr war es im Februar 1939 gelungen, nach England zu gelangen. Nach 18 Monaten ermöglichten Visa schließlich der Familie die Einreise in die USA. 1941 verfügte der NS-Staat ihre Ausbürgerung und die Beschlagnahme noch in Deutschland verbliebenen Vermögens.

Aus der Steuerakte von Gertrund Hallo (HHStAW Best.676 5695) - Ausbürgerung (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main)

 

 

Getrund Hallo mit ihren Eltern und Kindern in den USA - mit ihren Kindern und deren Ehepartnern später (Familienbesitz)

Gertrud Hallo übte in den USA verschiedene Tätigkeiten im sozialen Bereich aus. In New York arbeitete sie bis zum Kriegsende für den „Cooperative Residence Club for Refugees from Central Europe“ und danach dort und an anderen Orten für die UNRRA (United Nations Relief und Rehabilitation Administration) bei der Aufnahme und Betreuung minderjähriger Displaced Persons aus Europa – Überlebende der Shoah. In den 1950er Jahren wirkte sie in Philadelphia in einem jüdischen Altersheim.

Daneben war sie – wie zum Teil bereits in Deutschland - umfangreich publizistisch tätig, wozu auch Übersetzungen aus dem Deutschen gehörten – unter anderem auch von Texten Rudolf Hallos. Hervorzuheben ist die mit ihrem Sohn William gemeinsam erarbeitete und herausgegebene Übersetzung von Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ („Star of Redemption“), einem für das jüdische Denken im 20. Jahrhundert fundamentalen Werk. Die von ihrem Mann verfasste Familiengeschichte der Hallos ergänzte Gertrud Hallo durch die der Rubensohns. Ihr Sohn William resümiert, ihre umfangreichen Publikationen reflektierten eine lebenslange aktive Beteiligung an den Belangen ihres Berufs, ihrer Religion und ihrer Familie. Sie starb am 18. April 1986.

Ihre Tochter Susanne war in der neuen Heimat USA als Krankenschwester tätig und heiratete Daniel Kalem. Sie starb 2010 Alter von 87 Jahren in Springfield. Aus einem Nachruf für sie geht hervor, dass sie Mitglied der jüdischen Frauenorganisation Hadassah war, die sich unter anderem die Bekämpfung des Hasses und des Antisemitismus in den USA zur Aufgabe gemacht hat. Deren örtliche Organisation in Springfield wählte sie in den 1990er Jahren zur Frau des Jahres.

 

Getrud Hallos Tochter Ruth, die in den USA Otto Landman heiratete, schlug eine akademische Laufbahn ein. Sie hatte nach ihrer Einreise in die USA zunächst bei Verwandten gelebt und nach der Schulzeit an der Columbia University (unter anderem bei Margret Mead) und der Yale University studiert, wo sie als Anthropologin promoviert wurde. Von 1964 bis 1990 lehrte sie als Professorin an der American University in Washington D.C. Als Kulturanthropologin ging es ihr dabei vorrangig um das Verstehen und die praktische Lösung sozialer Probleme. Themen, denen sie sich widmete, waren unter anderem der Alkoholismus in verschiedenen ethnischen Gruppen, die Akkulturation mexikanischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten, Beziehungen zwischen Polizei und Gemeinde, die Wurzeln des Rassismus und die Schaffung von Gemeinschaft durch gemeinschaftliche Gartenarbeit und Hofverkäufe, wozu sie 1993 das Buch "Creating Community in the City: Cooperatives and Community Gardens in Washington D.C." veröffentlichte. Sie war auch politisch engagiert und unterstützte die Demokratische Partei, insbesondere Hillary Clinton in ihrer Zeit als First Lady. Ruth Hallo Landmann starb am 19.6.2005 im Alter von 78 Jahren.

International Beachtung fand William Hallo. Von 1962 bis 2002 lehrte er Assyriologie und Babylonische Literatur an der Yale University und war Kustos an der dortigen Babylonian Collection, der größten Sammlung sumerischer und babylonischer Texte. Nicht zuletzt die Entzifferung wichtiger Funde aus der frühesten Zeit der Schriftkultur machte ihn zu einem der weltweit renommiertesten Vertreter seines Faches. Hallo trug so wesentlich zu einer „kulturgeschichtlichen Gesamtdeutung der Menschheitsgeschichte“ bei, schreibt die Universität Kassel, die ihm 1991 als erstem gebürtigem Kasseler die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur übertrug und ihn damit ehrte. William Hallo war 1986 zum ersten Mal wieder in seine Geburtsstadt Kassel zurückgekehrt, um auf dem Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongress über Probleme und Erfahrungen bei der Übersetzung von Rosenzweigs Stern der Erlösung ins Englische (1971) zu referieren. Zu Übersetzungsproblemen sprach er auch im Rahmen seiner Gastprofessur, vor allem aber in einer dreistündigen Vorlesung über „‘Ursprünge - der altorientalische Hintergrund einiger menschheitlicher Errungenschaften‘, wobei er besonders auf das Alltagsleben in den frühen Kulturen Mesopotamiens einging - auf die Stellung der Frau, das Schulwesen, das Finanzwesen, aber auch auf die Zeitrechnung, den Kalender und die Mythologie“, so die Universität Kassel. W. Hallo starb am 30. März 2015 im Alter von 87 Jahren.

Wolfgang (jung) und William als Professor

 

Wolfgang Matthäus, Juni 2024

Verlegung der Stolpersteine (auf Anregung und Wunsch der Familie) am 29. Juni 2024

 

Quellen und Literatur

 

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main

A.62.02 Nr. 10 (Gertrud Hallos Ausbürgerung)

HHStAW

Best. 519/3 82 (Devisenakte Wolfgang Hallo) | Best. 519/3 25377 (Devisenakte Gertrud Hallo) | Best. 676 5695 (Steuerakte Gertrud Hallo)

Schularchiv der Heinrich-Schütz-Schule Kassel

Unterlagen zur Reifeprüfung 1915

Stadtarchiv Kassel

Best. S 1 Nr. 176 (Rudolf Hallo) | Einwohnermeldeunterlagen

 

Wolfgang Hermsdorff, Die Brüder Hallo in Kassel (Ein Blick zurück Nr. 243), HNA vom 18.2.1967

Ders., Kunstsinn und Heimatliebe als Familienerbe (Ein Blick zurück Nr. 998), HNA vom 22.1.1983

Hans Mosbacher, Rudolf Hallo, in: Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck vom 3.2.1933

Ekkehard Schmidberger, Rudolf Hallo und das jüdische Museum in Kassel, in: Juden in Kassel 1808-1933. Eine Dokumentation anlässlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1986

Universität Kassel, Franz-Rosenzweig-Gastprofessur

Washington Post vom 22.6.2005 (Nachruf auf Ruth Hallo Landman)

Yale Universitiy, Nachruf auf William Hallo

Stadtmuseum Kassel

Bestand mit den Unterlagen von Wolfgang Hermsdorff zu "Ein 'Blick zurück"

 

Familienfotos und Aufzeichnungen zur Familiengeschichte (insbesondere von Gertrud Hallo und William Hallo), zur Verfügung gestellt von Jaqueline Hallo.

 

 

Die Ziele des Vereins

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TERMINE  2024

17.3. und 24.3.2024

jeweils 14.00 Uhr

Treffpunkt Haltestelle Annastraße (Platz der 11 Frauen)

Führung zu "Stolpersteine und die Zerstörung jüdischen Lebens im Vorderen Westen" im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus.

Teilnahme kostenlos

29.06.2024 Verlegung von Stolpersteinen mit Gunter Demnig