Toni und Emil Rubensohn

Kölnische Straße 51

                                                                                                                                             

Text in english language.

 

Rosa und Herz gen. Hermann Rubensohn
Rosa und Herz gen. Hermann Rubensohn

Die Familie Rubensohn war seit dem 18. Jahrhundert in Beverungen ansässig, wo es eine große jüdische Gemeinde gab. Herz gen. Hermann Rubensohn (1837-1919) hatte die aus Kassel stammende Rosa Herrlich (1838-1931) geheiratet und wurde ein besonders erfolgreicher Geschäftsmann. Er betrieb in Beverungen einen einträglichen Handel mit Kleie sowie anderem Viehfutter und zunehmend auch indischer Jute und Juteprodukten wie Futtersäcken. Der älteste Sohn Emil wurde am 12. März 1866 noch in der Heimatstadt geboren. Er kam – wie seine Tochter schreibt - auf den Armen des Kindermädchens nach Kassel, als sich die Eltern dort 1868 niederließen. Emil hatte die Brüder Ernst (1873-1951) und Otto (1867-1964) sowie die ältere Schwester Julie (1864-1966).

 

In Kassel setzte die Familie das Handelsgeschäft fort und gründete aber darüber hinaus 1882 mit der „Casseler Jutespinnerei H. Rubensohn“ in Rothenditmold ein industrielles Unternehmen, das sich als sehr erfolgreich erwies und 1913 bereits 800 Menschen beschäftigte. Hermann Rubensohn war zudem als Handelsrichter tätig.

Als ältester Sohn sollte Emil Rubensohn der Tradition gemäß das väterliche Handelsgeschäft übernehmen und erfuhr nach der mittleren Reife an einem Gymnasiums eine entsprechende Ausbildung: zunächst bei einer Jutefirma in Hamburg und dann bei einem Londoner Unternehmen, das mit Kleie handelte. Seine Tochter schreibt, dass er von diesem Auslandsaufenthalt immer wieder als einem Höhepunkt seines Lebens erzählte. 

 

Seit spätestestens 1876 wohnte die Familie von Hermann Rubensohn in der Kölnischen Strraße 51 in einem zweigeschossigen Haus, das die Familie später erwarb. Jahrzentelang lebten Mitglieder der Familie hier, bis 1939 Toni und Emil Rubensohn gezwungen waren, Deutschland zu verlassen.

Fotos: Kölnische Straße 51 (Familienalbum Hallo) - Ansichtskarte aus dem Jahr 1902 mit der katholischen Kirche St. Familia und links angrenzend dem Haus Nr. 51 (Fotograf: Leonhardt, StadA Kassel E3 044 02)

 

Emil und Toni als Verlobte
Emil und Toni als Verlobte

1888 kehrte er nach Kassel zurück, absolvierte zunächst als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst und trat danach in das Unternehmen des Vaters ein, der ihn 1893 zum Teilhaber machte. Das war vermutlich auch die Voraussetzung für eine eigene Familiengründung. 1894 heiratete Ernst Rubensohn die am 25. Mai 1873 geborene Toni Hammerschlag, Tochter von Sally Hammerschlag, der einen bescheidenen Wohlstand in der Kap Kolonie erworben hatte. Das Ehepaar bekam die drei Töchter Gertrud (*24.9.1895), Hedwig (*16.6.1897) und Elisabeth (*23.8.1900).

Von der fortschrittlichen Haltung der Eltern zeugt, dass sie ihren Töchtern eine höhere Schulbildung zukommen ließen, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war, denn erst mit der preußischen Schulreform 1908 wurde Mädchen der Zugang zum Abitur und zum Studium möglich. Gertrud und Elisabeth besuchten die erste Schule in Kassel, die das ermöglichte: die Studienanstalt der realgymnasialen Richtung (heute Heinrich-Schütz-Schule). Gertrud bestand dort 1915 die Reifeprüfung – im gleichen Jahr, in dem Elisabeth in jungen Jahren starb.

Toni Rubensohns Eltern Dina (1840-1884) und Sally Hammerschlag (1838-1910) und ihre Tochter Elisabeth

(Familienalbum)

Im Jahr 1900 gaben Hermann und sein Sohn Emil das Handelsgeschäft mit Futtermitteln auf, offenbar weil sie keine hinreichenden Zukunftsaussichten in diesem Wirtschaftszweig mehr sahen. Während der Vater sich als Rentier zurückzog, gründete Emil Rubensohn im damals noch selbstständigen Bettenhausen auf dem Gelände der ehemaligen Walkemühle an der Losse und dem Mühlgraben ein eigenes Unternehmen, die Dampf-Wollwäscherei „Emil Rubensohn & Co.“ Die Gebäude der Walkemühle und das Gelände an der Stiftstraße (heute Dormannweg), wo die Familie auch wohnte, kaufte er 1905.

Luftbild 1929 mit der Wollwäscherei (links der Leipziger Platz)  (StadtA Kassel 0.000.694) - Stadtplan 1913 - Das Wohnhaus in Bettenhausen vor dem Ersten Weltkrieg - Plan im Zusammenhang mit den Wasserrechten an der Losse (HStAM 401 35 V 212)

Das Unternehmen entwickelte sich gut, geriet aber im Ersten Weltkrieg auf Grund der Rohstoffknappheit in große Schwierigkeiten, die danach in wirtschaftlich krisenhaften Zeiten nie ganz behoben werden konnten. Emil Rubensohn schien ein Weiterbetrieb der Wollwäscherei und des Wollhandels wohl zu risikoreich. 1926 verkaufte er die Liegenschaft an Adolf Krämer, der dort eine Fabrik für Farben und Lacke einrichtete. Mit dem Verkauf ging er in den Ruhestand, das Ehepaar zog in die Kölnische Straße 51, wo seine seit 1919 verwitwete Mutter in dem der Familie gehörenden Haus lebte.

Der Geschäftsmann konnte nun, wie seine Tochter Gertrud schreibt, sich dem widmen, was seine eigentlichen Lebensziele waren: „social service and philosophy“. Seine Tochter charakterisiert ihn als geborenen Philosophen und Lehrer, der ein lebenslanges Selbststudium (vor allem nachts) betrieb und aus der Auseinandersetzung mit Ethik und Philosophie die Richtschnur für sein Leben gewann. In diesem Sinne erzog und unterrichtete er auch regelrecht seine Töchter. In diesem Sinne war er auch für das Gemeinwesen aktiv, unter anderem:

  • · im Bürgerverein Bettenhausen (zeitweise als Vorsitzender),
  • · als Vertreter Bettenhausens im „Großen Bürgerverein Cassel“,
  • · im Vorsteheramt der Israeliten (bis zur Auswanderung),
  • · in der Gesellschaft der Humanität (bis zu deren Ende im Nationalsozialismus als Vorsitzender),
  • · im Kuratorium der Goldschmidt’schen Schulstiftung (für jüdische Waisenkinder)
  • · in der von ihm mitgegründeten Ortsgruppe der Kant-Gesellschaft. Vereinigung für philosophische Fragen.
Toni R. im Alter zwischen 40 und 50
Toni R. im Alter zwischen 40 und 50

Immer habe ihr Vater auch Zeit gehabt, gegen den Antisemitismus anzugehen, so Gertrud Hallo. Sie charakterisiert ihre Mutter als hübsche, geistreiche, künstlerisch begabte und handwerklich geschickte Frau, die ihren Mann unterstützte, die mannigfachen Krisen bis hin zur Auswanderung zu bewältigen. Zusammen vermittelten die Eltern ihren Töchtern den Sinn für kulturelle Werte.

 

Emil Rubensohn war zwar nicht mehr als eigenständiger Unternehmer tätig, übte aber gleichwohl noch Funktionen bei der von seinem Bruder Ernst geleiteten Jutespinnerei aus, an der er – wie andere Familienmitglieder – auch Anteile besaß. Auf dieses Unternehmen wurde im Nationalsozialismus zunehmend wirtschaftlicher und politischer Druck ausgeübt, dem die Eigentümer schließlich 1938 gezwungen waren nachzugeben und es an Geschäftsfreunde zu verkaufen. In einem Brief schreibt Emil Rubensohn 1946 dazu:

„An jenem Tage, an dem wir beide, mein Bruder und ich, unsere Ämter niederlegen und wir sowie andere Mitglieder unserer Familie die Aktien verkaufen mussten, haben wir unter dem unerhörten Zwang gehandelt, den das Amt der Regierung, das für die Verteilung der Rohjute maßgebend war, durch seine Drohung auf uns ausübte. Wir durften und konnten es nicht dazu kommen lassen, dass der Jutespinnerei die Rohstoff-Belieferung entzogen wurde, sie also in des Wortes wörtlicher Bedeutung zum ‚Hungertode‘ verurteilt wurde, weil die beiden jüdischen Direktoren im Amt blieben.“ (zit. nach Kottke, S. 238)

Toni und Emil Rubensohn im Alter in den USA
Toni und Emil Rubensohn im Alter in den USA

Toni und Emil Rubensohn konnten Ende August 1939, wenige Tage vor Kriegsbeginn, zunächst nach England und dann in die USA entkommen. Auch in ihrem Fall war das mit dem Verlust fast des gesamten Vermögens verbunden, der unter anderem durch Beschlagnahmen und Zwangsabgaben entstanden war, darunter die Zahlung der „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 40.250 RM oder die Entrichtung der „Reichsfluchtsteuer“ in Höhe von 32.778 RM. Den Gesamtschaden bezifferte Emil Rubensohn nach dem Krieg im Entschädigungsverfahren mit 179.000 RM. Dementsprechend lebte das Ehepaar in Newark in den USA in bescheidenen Verhältnisse, die bessere Zeit davon in einem Heim für ältere Flüchtlinge. Emil Rubensohn, der seine wertvolle und geliebte Bibliothek verloren hatte und sich keine neuen Bücher leisten konnte, übernahm die Verantwortung für den Buchbestand der Einrichtung. Die „Emil Rubensohn Library of Newark House“ wurde ihm gewidmet und erinnert an ihn. Er starb am 23. Oktober 1956, seine Frau am 11. November 1958.

Die Tochter Dr. Gertrud Hallo war 1933 nach dem Tor ihres Mannes Dr. Rudolf Hallo mit ihren Kindern in das Haus ihrer Eltern gezogen. Ihr Weg führte sie 1936 weiter nach Frankfurt, 1939 zunächst nach England und dann in die USA. Die Tochter Hedwig hatte 1925 den Juristen Dr. Rudolf Stahl aus Bad Nauheim geheiratet. Auch deren Familie gelang es 1937, in die USA zu emigrieren.

 

Emil Rubensohns Bruder Ernst gelangte mit seiner Frau Emmy auf einer abenteuerlichen Flucht 1940 nach Shanghai, von wo beide erst 1947 in die USA einreisen durften.

Der Brunder Otto Rubensohn, weltweit anerkannter Archäologe, verließ Deutschland in letzter Minute 1939 und starb 1964 in hohem Alter in der Schweiz.

Otto Rubensohn als Abiturient des Friedrichsgymnasiums und als Gelehrter - Das Ehepaar Emmy und Ernst Rubensohn

Emil Rubensohns Schwester Julie hatte 1888 den aus Kaldenkirchen stammenden Arzt Dr. Julius Grunewald geheiratet, der 1929 starb. Die Witwe konnte im Juli 1938 nach Columbus (Ohio) emigrieren und starb 1966 im 102. Lebensjahr. Die Fotos zeigen sie mit ihrem Mann etwa zur Zeit der Eheschließung, mit ihren beiden Töchtern und vermutlich in den 1930er Jahren. (Quellen: „Jüdische Kindheit …“ bzw. Schwarzmüller)

 

Quellen und Literatur

 

StadtA Kassel

Meldeunterlagen A 33.3 / 2

HStAM

Best. 270 2082 (Klage von E. Rubensohn gegen das Land Hessen) | Best. 401 35 V 212 (Wollwäscherei Rubensohn

HHStAW

Best. 518 69683 (Entschädigungsakte E. Rubensohn)

 

Adressbücher Kassel

Artikel „Stahl, Rudolph“, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945

Jüdische Kindheit und Jugend am Niederrhein. Die autobiographischen Aufzeichnungen des Dr. med. Julius Grunewald (1860-1929) aus Kaldenkirchen. Erster Teil, ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Leo Peters. (Heimatbuch des Kreises Viersen 2009 60. Folge)

Beate Kleinert / Wolfgang Prinz, Namen und Schicksale der Juden Kassel 1933-1945, Kassel 1986

Horst Kottke, Die endgültige Verdrängung der Juden aus der Kasseler Wirtschaft im Jahr 1938, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933-1945, Bd. 2: Studien, hg. von Wilhelm Frenz, Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar, Fuldabrück 1987, S. 223-254

Fritz Osterkämper, Die Beverunger Familie Rubensohn und ein kurzzeitiger Ableger in Höxter

Bernd Schaeffer, Wolle waschen mit Fuldawasser (Erinnerungen im Netz)

Alois Schwarzmüller, Garmisch und seine jüdischen Bürger 1933-1945

 

Helmut Thiele, Die jüdischen Einwohner zu Kassel (MS)

 

Fotos und Aufzeichnungen aus Familienbesitz (zur Verfügung gestellt von Jaqueline Hallo)

 

Wolfgang Matthäus

Juni 2024

Verlegung am 29. Juni 2024  

 

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