Erich und Hildeburg Weinert

Schöfferhofstraße 2

Vier Jahre haben Erich und Hildeburg Weinert 1931 bis 1935 gemeinsam im Hause Schöfferhofstraße 2, Parterre rechts gewohnt. Am 25. Juli 1935 wird Erich von der Gestapo abgeholt; Hildeburg am 7. August 1936. Beide waren Mitglieder der seit Januar 1933 in die Illegalität getriebenen Kommunistischen Partei Deutschlands bzw. ihres Jugendverbandes KJVD. Ihnen wird die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zu Last gelegt. Für viele Jahre verschwinden beide in Kerkern und Lagern des Naziregimes. (Das Foto zeigt Hildeburg und Erich Weinert 1929 in Gotha.)

Erich ist am 25.12.1906 in Dahlen (Krs. Leipzig) geboren; in einer Arbeiterfamilie mit 11 Kindern, 4 Mädchen, 7 Jungen, geboren zwischen 1890 und 1910. Nach 8 Jahren Volksschule haben ihn seine Eltern zu seiner in Kassel verheirateten älteren Schwester Johanna geschickt. Johannas Mann, Heinrich Bürger, betrieb in den Jahren 1920 bis 1930 einen Obst- und Gemüseladen in der Wilhelmshöher Allee 91. Erich hat bei seinem Schwager eine kaufmännische Lehre absolviert und im Haushalt der Bürgers gewohnt. Ab 1925 bis zu seiner Verhaftung war er bei der Butter- und Käsegroßhandlung Stein in der Rothenditmolder Straße angestellt, zuletzt für 140 RM brutto.

 

Als 18-jähriger schloss er sich dem Verein Christlicher Junger Männer an. Aber ein Jahr später verließ er ihn wieder und wandte sich der Proletarischen Freidenkerjugend zu. Er gestaltete Bildungsabende. Ein Verfahren wegen Gottes-lästerung brachte ihm in 1929 eine Geldstrafe von 100 Mark ein.

 

Hildeburg Weiß ist am 2. März 1911 in Pottschappel bei Dresden geboren. Mutter Johanna hat 11 Kinder zur Welt gebracht. Beide Eltern waren schon vor dem 1. Weltkrieg in der SPD organisiert. Seit 1919 lebte die Familie in Leipzig. Vater Karl Weiß war dort als Sekretär der Gewerkschaft der Angestellten tätig. Nach der Volksschule trat Hildeburg eine Lehrstelle als Verkäuferin an. 1927 lernten sich Hildeburg und Ernst Weinert in Chemnitz beim 3. Reichsjugendtag des Kommunistischen Jugendverbandes kennen. Etwa 400 Briefe, die später von der Gestapo beschlagnahmt wurden,  gingen zwischen Leipzig und Kassel hin und her.  Es konnte nicht ermittelt werden, wann sie nach Kassel gekommen ist. Am 1.4. 1931 haben Hildeburg und Erich geheiratet und sind im August in die Schöfferhofstraße eingezogen.

 

Nach den im Bundesarchiv befindlichen Prozessakten sind beide 1931 Mitglieder der KPD geworden. Sie haben sich aktiv am Parteileben beteiligt. Der Reichstagsbrand wurde vom NS-Regime benutzt, um die Partei zu verbieten und Tausende ihrer Funktionäre in Haft zu nehmen. Die Weinerts gehörten zu den Genossen, die trotz Terrors den organisatorischen Zusammenhalt und antifaschistischen Widerstand aufrecht zu erhalten suchten. Dafür nutzten sie Wanderungen und Ausflüge, um die politische Lage zu analysieren, Solidarität mit den Familien der Verhafteten zu organisieren.

 

Im Juli 1935 fand eine Verhaftungsaktion der Gestapo statt. Auf Grund von Informationen eines in die Organisation eingeschleusten Spitzels wurden 18 Personen, darunter Erich Weinert, Ernst und Paula Lohagen, Traugott Eschke und Kurt Finkenstein festgenommen. In getrennten Verfahren werden sie zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Ihm wird leitende Tätigkeit zur Last gelegt, weil er zum Beispiel anlässlich der Hinrichtung des Kommunisten Johannes Becker im Zuchthaus Wehlheiden ein Flugblatt mit der Parole  „Einen genommen – Zehn gewonnen“  angefertigt und zur Verteilung gebracht habe.

 

Sein Verfolgungsschicksal soll mit einigen Daten dargestellt werden:

 

23.7.1935   Verhaftung, U-Haft im Polizeipräsidium Kassel und Zuchthaus Wehlheiden

12.1.1937   Urteil OLG Kassel wegen Vorbereitung zum Hochverrat

  8 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte,

  von den 1,5 Jahren U-Haft werden 6 Monate angerechnet.

21.2.1937  Strafantritt im Zuchthaus Wehlheiden, Strenge Zellenhaft,

14.2.1939  Genehmigung; seine Kleider nachts in der Zelle behalten zu dürfen.

 Nach fast 3 Jahren darf er in Gemeinschaft arbeiten

Mai 1939   Sendet aus seinem Arbeitslohnkonto an Hildeburg 10 RM in das KZ

Feb.1940   Erster Besuch seiner Schwester Johanna Bürger, die in KS-Süsterfeld wohnt.

April 1940  Besuchsgenehmigung für Hildeburg Weinert, die inzwischen aus dem KZ Ravensbrück entlassen ist.

10.7.1943  Entlassung aus dem Zuchthaus. Anschließend Einberufung auf den Heuberg/ Schwäb. Alb

 zum Strafbataillon 999. Wehrmachtseinheit in Divisionsstärke für ehemals Wehrunwürdige.

1.1.1945   Gefallen bei Vlasenica, heute Bosnien-Herzegowina, Republika Srpska, Grablage Vlasenica,

Schütze im Festungs-Infanterie-Regiment XXI / 999.

 

Hildeburg Weinert 1940
Hildeburg Weinert 1940

Hildeburg Weinert war nach Erichs Verhaftung im Visier der Gestapo, da sie ihre politischen Aktivitäten im Rahmen der Freien Turnerschaft fortsetzte. Die Nazijustiz formulierte in der Anklage gegen sie:

 

„Der Zusammenhalt dieser Gruppe war infolge des gemeinsamen Fahrtenlebens und der nahezu bei allen Teilnehmern vorhandenen marxistischen Grundeinstellung besonders stark. Nahezu sämtliche Mitglieder waren glaubenslos und standen der proletarischen Freidenkerjugend nahe. Auch nach der Machtübernahme wurden die Beziehungen aufrecht erhalten und sogar durch eine größere Gemeinschaftstätigkeit der dieser Bewegung Nahestehenden noch verstärkt.“

 

Zusammen wurden angeklagt und verurteilt :

Käthe Stahl, Verkäuferin, 21 Jahre alt, zu 10 Monaten,
Karl Braunroth, Installateur, 23 Jahre, zu 10 Monaten,
Wilhelmine Müller, Stenotypistin, 22 Jahre, zu 6 Monaten,
Hildeburg Weinert, 24 Jahre, zu 1 Jahr und 9 Monaten Gefängnis,

weil sie Geld für Inhaftierte sammelten, sich an der Verteilung von Flugschriften beteiligten und „kommunistische Gespräche“ führten. Das alles wurde als organisatorische Fortführung bzw. Neugründung des verbotenen KJVD bzw. und Vorbereitung zum Hochverrat gewertet.

 

Hildeburgs Verfolgungsschicksal stellt sich so dar:

 

7.8.1936     Verhaftung, U-Haft im Polizeipräsidium und Gefängnis Leipziger Str. 11

16.2.1937    Urteil OLG Kassel, 21 Monate Gefängnis, Anrechnung 3 Monate U-Haft

12.3.1937    Strafgefängnis Düsseldorf

16.8.1938    Polizeipräsidium Düsseldorf

16.9.1938    Schutzhaft im Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg/Sachsen

April 1939    Verlegung ins Frauenlager Ravensbrück/Mecklenburg

11.3.1940    Entlassung aus Ravensbrück

 

Im März 1939 schreibt Hildeburg Weinert aus Lichtenburg einen Brief an „Meine Lieben“ (vermutlich Eltern und Geschwister). Sie ermuntert sie, den im Zuchthaus einsitzenden Erich nicht zu vergessen „Denkt daran, daß ein Gefangener die kleinste Änderung viel mehr empfindet, als Ihr in der Freiheit“. Sie erinnert daran, dass sie im Frühjahr 1937 „meinen Erich noch einmal besuchen durfte“. Vermutlich waren damals beide noch U-Häftlinge. Auch ihre Verzweiflung darüber, dass sie am Ende ihrer 21 Monate Gefängnis erfährt, dass sie ins KZ kommt, lässt sie in diesem Brief mit den Worten „bis eben alles in Stücke zerbrach“ anklingen.

In einem Fragebogen vom Mai 1946 gibt sie an, dass 1936 bei den Vernehmungen im Polizeipräsidium Kassel Kriminalassistent Zink, die Beschuldigten mit Ohrfeigen und Fußtritten zu Aussagen genötigt habe. Hier ist anzumerken: Zink war auch beim Ermittlungsverfahren gegen ihren Mann als Gestapobeamter beteiligt. Sie erwähnt auch, dass es in Düsseldorf Beamte gab, die ihr Zusatzessen und politische Orientierung gaben.

Hildeburg ist nachder  Haftentlassung wieder als Verkäuferin tätig. Im November 1942 erwirkt sie erneut eine Besuchserlaubnis bei Erich in Wehlheiden.

 

Über die letzte Begegnung von Hildeburg und Erich Weinert heißt es in "Kreuzweg Ravensbrück von Sigrid Jacubeit und Lieselotte Thoms-Heinrich:

 

Nach der Befreiung im Mai 1945 ist Hildeburg Weinert beruflich und gesellschaftspolitisch in der 1949 gegründeten DDR über das Rentenalter hinaus fast 50 Jahre aktiv; im DFD, der VVN, dem FDGB und der SED. In ihrem Nachlass finden sich zahlreiche Urkunden über die Verleihung von hohen Auszeich­nungen. Der Nachlass wird in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück bewahrt.

1950 hat Hildeburg in 2. Ehe Ewald Späth geheiratet. In dieser Ehe sind 1951 Tochter Renate und 1953 Sohn Michael geboren, die mit dem 1944 geborenen Götz zusammen aufwachsen.

Am 11.01.1997 ist Hildeburg Späth, verwitwete Weinert, geborene Weiss verstorben.

 

Quellen:               

 

Stadtarchiv Kassel, StadtA KS A 3.32,   HB 553  und Meldekarte Weinert

Adressbücher Kassel

Staatsarchiv Marburg,  HStAM,  251 Wehlheiden, 1388  Häftlingsakte  Erich Weinert     

Bundesarchiv,  BAH, NJ 4855,  Anklage E. Weinert  und NJ 12646,  Anklage + Urteil H. Weinert.

Archiv Gedenkstätte Ravensbrück, Nachlass Hildeburg  Weinert:  NL3_3-3, Brief H. Weinert;

NMG_10-31__118-121 = 3 Fragebogen;               NL3 Liste

Fischer-Defoy:  Widerstand in der Provinz, VAS 1982, Seite 153 und 230

Stadt Freital, Standesamt:  Sterbedatum H. Weinert    

WASt Berlin: Sterbedatum E. Weinert

S. Jacubeit und L. Thoms-Heinrich:  Kreuzweg Ravensbrück, Röderberg in Pahl-Rugenstein Verlag 1987

 

 

Jochen Boczkowski, August 2017

 

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