Frieda, Karl Hermann, Anna und Gerhard Sichel

Malsburgstraße 12

 

Verlegung geplant für 23.5.2017

 

Die Familie Sichel wohnte von 1923 bis zur Emigration 1935 im eigenen Haus in der Malsburgstraße 12. Frieda und Karl Hermann Sichel entstammten angesehenen und alteingesessenen Kasseler jüdischen Familien. Der Antisemitismus des nationalsozialistischen Deutschlands vertrieb sie, die vieles in ihrer Heimatstadt geleistet hatten, mit ihren beiden Kindern Anna und Gerhard nach Südafrika.

Das Ehepaar Sichel und ihre Kinder Gerhard und Anna im Jahr der Auswanderung (1935). Vorher besuchte die Familie die Gräber ihrer Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof, so auch das des ersten der Familie Gotthelft in Kassel.

Karl Hermann Sichel (1886-1972)

Architekt (Dipl.-Ing.)

 

Der 1886 als Sohn des Bankiers Gustav Sichel in Kassel geborene Karl Hermann Sichel studierte nach dem Abitur am Friedrichsgymnasium an den Technischen Hochschulen in Karlsruhe, München und Berlin, wo er 1910 den Abschluss als Diplomingenieur erreichte. Danach war er in der städtischen Bauverwaltung Kassels tätig. Seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges diente er als Soldat, u. a. auch als Ingenieur und Architekt. 1916 ernannte ihn der Preußische Staat zum Regierungsbaumeister. Mitten in der Revolution1918 heiratete er am 11. November 1918 seine Cousine Frieda Gotthelft und nahm 1919 das Angebot an, in die städtische Bauverwaltung zurückzukehren. Hier richtete er eine Abteilung für bauwirtschaftliche Aufgaben ein und war u. a. mit Planungen zur Sanierung der Kasseler Altstadt befasst.

1925 verließ Karl Hermann Sichel den städtischen Dienst und eröffnete als freier und der Moderne verpflichteter Architekt ein eigenes, sehr erfolgreiches Büro in der Kleinen Rosenstraße 1, in das er 1929 Waldemar Leers als  Kompagnon aufnahm. Das Architekturbüro plante Industriebauten, Verwaltungsgebäude, Geschäftshäuser, Gaststätten, Wohngebäude, landwirtschaftliche Gebäude, Garagenbauten, Denkmäler und Gartenanlagen, daneben auch Umbauten und Modernisierungen (z. B. des Kaufhauses Leonhard Tietz oder auch des Residenz-Cafés). Bei der Ausschreibung zum Bau des Aschrott'schen Wohlfahrtshauses (der dann mit der Machtergreifung nicht mehr realisiert werden konnte) setzte er sich gegen prominente Konkurrenz (u. a. Gropius, Haesler, Tessenow) durch.

Sichel war auch der Architekt der jüdischen Gemeinde Kassels. In den beiden Synagogen schuf er Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Im Gegensatz zu diesen blieb sein Denkmal für sie auf dem alten jüdischen Friedhof in Bettenhausen unzerstört. Die Planung für den neuen jüdischen Friedhof in Bettenhausen, auf dem im März 1933 das erste Begräbnis stattfand, stammt gleichfalls von ihm. Über Kassel hinaus war er auch als Berater und Planer für jüdische Gemeinden in ganz Hessen tätig. Mit den Novemberpogromen sollten eine ganze Reihe von ihm restaurierte oder umgebaute Synagogen zerstört werden.

Daneben war Sichel - zum Teil in Vorstandsfunktion - auch in einigen Berufsverbänden engagiert, so im Verband Deutscher Architekten und Ingenieure, im Bund Deutscher Architekten (BDA), dem Deutschen Werkbund und der Reichsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen.

Mit der Machtergreifung und dem Boykott jüdische Unternehmen wurde die Tätigkeit des Büros stark behindert. Waldemar Leers, selbst nicht jüdisch, aber mit einer Jüdin verheiratet, wurde genötigt, aus dem "jüdischen" Büro auszuscheiden. Aus Protest gegen die antisemitische Politik der Nazis emigrierte er noch 1933 nach Südafrika. Zwei Jahre später sollte ihm Karl Hermann Sichel mit seiner Familie folgen, nachdem er 1935 Berufsverbot erhalten hatte, weil er als "Nichtarier (...) die für die Erzeugung deutschen Kulturgutes erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht"  besitze.

Das von Karl Hermann Sichel gestaltete Denkmal für die jüdischen Gefallenen im Ersten Weltkrieg und ein von ihm entworfener Industriebau.

Frieda Sichel (1889-1976)

Nationalökonomin, Sozialarbeiterin und Fürsorgerin, Journalistin

 

Die 1889 geborene Frieda Sichel gehörte einer seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Kassel ansässigen jüdischen Familie an, die sich seit der Zeit des Königsreichs Jérôme Bonapartes Gotthelft nannte. Ihr Großvater war Mitte des 19. Jahrhunderts Mitgründer einer Druckerei und später der Zeitung „Kasseler Tageblatt“, die bis 1932 erschien.

In gutbürgerlichen Kreisen aufwachsend, besuchte sie zunächst ein von Julie von Kästner geleitetes privates Lyzeum. In einer Zeit, als der Besuch eines Gymnasiums und das Abitur für Frauen in Preußen noch nicht möglich waren, ermöglichten die Eltern der Tochter nach dem Abschluss der höheren Mädchenschule den Besuch der von Julie von Kästner eingerichteten, privaten Realgymnasialkurse, die Mädchen zum Abitur führten (aus ihnen ging 1909 die staatliche  Studienanstalt, heute Heinrich-Schütz-Schule hervor). Frieda Gotthelft war eine der ersten Abiturientinnen der Stadt und dann auch eine der ganz wenigen ersten Studentinnen in Deutschland, als Professoren sich noch weigern konnten, Frauen zu unterrichten. Sie studierte in München, Berlin, Freiburg und Heidelberg Nationalökonomie, Soziologie u. a. - „under world authorities“, wie sie selbst einmal in einem „curriculum vitae“ schrieb. Dazu gehörten u. a. Max Weber, Franz Rosenzweig, Hermann Cohen und Franz Oppenheimer. Karl Jaspers und Georg Lukács waren Kommilitonen im Kreis um Max Weber in Heidelberg, wo sie ihr Studium 1915 mit einer in Schmollers Jahrbuch veröffentlichten Dissertation abschloss. Bis 1933 war sie geschäftsführendes Mitglied einer Vereinigung für weibliche Volkswirte.

Im Anschluss an ihr Studium arbeitete Frieda Gotthelft bis 1916 als Assistentin beim Statistischen Amt der Stadt Stuttgart, ging dann nach Berlin, wo sie für den Nationalen Frauendienst arbeitete und 1917 eine wissenschaftliche Studie über Frauenarbeit im Krieg verfasste. 1918 nach Kassel zurückgekehrt, half sie dem Gotthelft’schen Kasseler Tageblatt als stellvertretende Chefredakteurin. Mitten in den Wirren der Novemberrevolution heiratete sie im Dezember 1918 nach jahrelanger, reiflicher Überlegung Karl Sichel, den jüngsten Sohn ihrer Tante Anna. „He was the only one for whom I was prepared to give up my successful career. I never regrettet this decision“, schreibt sie in ihrer Autobiografie. Gleichwohl war sie auch als Ehefrau und Mutter (die Tochter Anna wurde 1919 geboren, der Sohn Gerhard 1923) über die Familie hinaus sehr engagiert.

So war sie Dozentin u. a. an der Volkshochschule und der städtischen Haushalts- und Gewerbeschule, leitete volkswirtschaftliche Seminare für Juristen und Volkswirte und gehörte dem engeren Vorstand des Verbandes Kasseler Frauenvereine an. Frieda Sichel war zudem innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bis 1935 im engeren Vorstand des Schwesternverbandes des B’nai B’rith Ordens tätig, dem über 80 Schwesternvereine mit mehr als 10.000 Mitgliedern in Deutschland angehörten.

Mit dem Einsetzen der Judenverfolgung 1933 wandte Frieda Sichel ihre ganze Kraft der Selbsthilfe zu, die sie selbst mit aufbaute. Sie schreibt: „Im Frühjahr 1933 gründete ich eine Kasseler Beratungsstelle für jüdische Wirtschaftshilfe und Aufbau u. organisierte die ‚Blaue Karte für Hilfe und Aufbau‘, angeregt durch unsere Erfolge wurden ähnliche Organisationen in allen größeren Städten gegründet, Rabbi Dr. Leo Baeck, Präsident der Opens Reichsvertretung der Deutschen Juden, veranlasste mich daraufhin, eine beamtete Stellung als Provinzial-Fürsorgerin für den Bezirk Hessen-Nassau zu übernehmen.“ Frieda Sichels Bemühen war darauf konzentriert, ihren „jüdischen Mitmenschen zu helfen“. Sie sah die Bedrohung der Juden in Deutschland wohl realistischer als viele andere und ihre Arbeit auch als Untergrundarbeit. Seit 1933 überwachte die Gestapo ihre vielfältigen Aktivitäten. Dazu gehörten vor allen Dingen Umschulungsprogramme, auch in Hachscharah-Zentren, die Juden durch eine landwirtschaftliche oder handwerkliche Ausbildung für eine Auswanderung qualifizieren sollten. „Hilfe für die schrittweise Entrechteten und wirtschaftlich in Not Geratenen halten sie in Atem“, schreibt Sylvia Griffin. 1935 sah sich Frieda Sichel mit ihrer Familie selbst zur Auswanderung genötigt, nachdem sie von der Gestapo zu einem Verhör einbestellt worden war und ihr Mann Berufsverbot erhalten hatte. Getarnt als Bildungsreisende gelangte das Ehepaar im Herbst 1935 nach Südafrika, die Kinder kamen wenige Monate später nach. Abschied von Kassel nahm die Familie an den Gräbern ihrer Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen: „Wir nahmen unsere Kinder, damals im Alter von zwölf und 15 Jahren, mit zum alten Bettenhäuser Friedhof, um ihnen die gepflegten Gräber der sieben Generationen unserer Familie zu zeigen, die dort zwischen 1824 und 1935 beerdigt wurden. Wir wollten, dass sie sich in den kommenden Jahren erinnern könnten, was es heißt, als unwillkommener Fremder in einem Land betrachtet zu werden, in dem die Familie tiefe Wurzeln hatte und einen guten, respektvollen Namen hinterließ“, schreibt Frieda Sichel in ihrer Autobiografie.

Frieda Gotthelft als Schülerin des zweiten Realgymnasialkurses (oben rechts) und Zeichnung Frieda Sichels aus dem Jahr 1929.

Südafrika

 

Im Gegensatz zu vielen emigrierten deutschen Juden in akademischen Berufen gelang es Karl Hermann Sichel schon nach kurzer Zeit, in Johannesburg in seinem angestammten Beruf Fuß zu fassen, wozu ihm wohl auch sein bereits 1933 emigrierter ehemaliger Teilhaber seines Kasseler Büros verhalf. Er arbeitete über Jahrzehnte im Büro Kallenbach, Kennedy & Furner, nachdem er bereits 1937 in das Institute of South African Architects aufgenommen worden war.

Frieda Sichel arbeitete zunächst mehrere Jahre ehrenamtlich, danach hauptberuflich bis 1961 in der Sozialarbeit und Fürsorge. Schwerpunkt ihrer Arbeit war zunächst die Integration von Flüchtlingen. Dieses Problem beschrieb sie später auch wissenschaftlich in ihrem Buch "From Refugee to Citizen" (Amsterdam 1966). Ihre zahlreichen Tätigkeiten und Verdienste in diesem Bereich können an dieser Stelle nicht annähernd vollständig aufgeführt werden. Ihre in Jahrzehnten in Südafrika erworbenen Verdienste würdigte die Zeitung The Star 1975 damit, dass sie Frieda Sichel zu einer der 20 bedeutendsten Frauen Südafrikas zählte. Zu diesen Verdiensten gehörten u. a.: der Aufbau einer jüdischen Selbsthilfe für Emigranten aus Nazi-Deutschland und andere jüdische Flüchtlinge, die Gründung des Heims „Our Parents‘ Home“ für geflohene Ältere, Aktionen zur Unterstützung geflohener Kinder in  anderen Ländern, ihre Tätigkeit für die Child Welfare Society, ihre Arbeit als erste berufsbezogen ausgebildete Fürsorgerin für die Jewish Women’s  Benevolent Society, ihre leitenden Funktionen in jüdischen und staatlichen Wohlfahrtsorganisationen, ihr Beitrag zur Gründung  des Schwesternbundes von B’nai B’rith in Südafrika.

Die Familie, das Ehepaar Frieda und Karl Hermann Sichel in Südafrika.

Karl Hermann Sichel starb 1972, Frieda Sichel 1976. Nach ihr ist in der jüngeren Vergangenheit eine kleine Straße in Kirchditmold benannt worden. Die Enkelin Janet Hebert und der Enkel Adrian Sichel leben heute im Raum London. Einige der Fotos wurden uns freundlicher Weise von Adrian Sichel zur Verfügung gestellt.

 

Quellen und Literatur

 

Stadtarchiv Kassel: S1 Nr. 2687 und S1 Nr. 2861

Frieda Sichel, Challenge of the Past, Johannesburg 1975

Briefe von Anna Lederman (geb. Sichel) an W. Matthäus

Frieda Sichel, From Refugee to Citizen. A Sociological Study of the Immigrants from Hitler-Europe who settled in Southern Africa. A. A. Balkema, Amsterdam 1966

Artikel "Sichel, Frieda Henriette Esther" in: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, München u. a. 1983

Wolfgang Prinz, Jüdische Bürger aus Kassel vor 1933, in: Fremde im eigenen Land, hg. von Helmut Burmeister und Michael Dorhs, Hofgeismar 1985 (darin Kurzbiografie von Karl Hermann Sichel)

Cornelia Eifler, Jüdische Selbsthilfe am Beispiel von Leben und Werk der Sozialarbeiterin Frieda Sichel-Gotthelft, Diplomarbeit am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel 1994 (vorhanden im Archiv der deutschen Frauenbewegung)

Dietrich Heither, Wolfgang Matthäus, Bernd Pieper: Als jüdische Schülerin entlassen: Erinnerungen und Dokumente zur Geschichte der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel. (Nationalsozialismus in Nordhessen; Schriften zur regionalen Zeitgeschichte Heft 5). 2., erweiterte und korrigierte Auflage, Kassel 1987

Sylvia Griffin, Von Kassel nach Südafrika, in: HNA Mai 1989

 

Wolfgang Matthäus – Januar 2017

Die Ziele des Vereins

TERMINE 2017

1.September 2017

8:50 - 12:10

Verlegung Teil 2

 

Uhrzeiten und Orte hier

28. September 2017

nachmittags

Verlegung  Teil 3

 

Uhrzeiten und Orte hier