Verlegung am 14. Oktober 2014

Jutti und Zilla Ziering

und Leo Ziering

Schillerstraße 7

Als wir im Jahr 2014 die Stolpersteine für die zweijährige Jutti Ziering und ihre Mutter Zilla, geborene Spatz verlegt haben, ist uns schon aufgefallen, dass es noch weitere Angehörige der Familie gab. Aber zum einen lag unser Fokus auf den Kindern und zum anderen glaubten wir damals noch, dass Stolpersteine nicht für Überlebende gelegt werden.

Dadurch haben wir uns mit dem Vater von Jutti und den anderen Familienmitgliedern nicht weiter beschäftigt. Mittlerweile sehen wir einiges anders. So haben wir schon etliche Steine für Menschen, die das Grauen der Vernichtungslager überleben konnten oder die sich der Vernichtung durch Flucht haben entziehen können, mit Stolpersteinen geehrt.

Als sich im letzten Jahr (2019) überlebende Angehörige der Familie Ziering an uns gewendet haben und wissen wollten, ob wir auch für weitere Familienangehörige Stolpersteine verlegen könnten, haben wir uns mit den bisher übersehenen Familienmitgliedern beschäftigt.

So kommt es jetzt dazu, dass wir für Leo Ziering, den Vater der kleinen Jutti, einen Stolperstein direkt neben denen seiner Frau und seiner Tochter verlegen.

Für die anderen Familienmitglieder gibt es an anderen Stellen (Graben 6A und Jägerstraße 1) weitere Stolpersteine (für Leos Geschwister Isaak, Benjamin und Anna, seine Neffen Siegfried und Heinz Hermann sowie seine Schwägerin Cilly und seinen Schwager Abraham).

 

 Jutti Ziering ist das jüngste Opfer, für das wir hier in Kassel einen Stolperstein verlegen.

 

Von ihr wissen wir fast nichts. Sie wurde am 31. März 1939 in Kassel geboren. Ihre Eltern waren Leo (Leib) Ziering und Zilla Ziering, geborene Spatz. Jutti war nicht einmal 2 Jahre alt, als sie am 9.Dezember 1941 zusammen mit ihrer Mutter nach Riga deportiert wurde.

 

Leo Leib Ziering wurde am 30.12.1900 in Kalusz (Ukraine) geboren. Seine Eltern waren Tzvi Khaim Ziering und Rivka Nussbaum. Leo hatte vier Geschwister, die wie er in Kalusz in Polen geboren und aufgewachsen sind: Joseph (*1888), Isaak (*1895), Benjamin (*1903) und Anna (*1907).  Alle außer Joseph sind Ende der zwanziger Jahre nach Kassel gekommen, wohl zusammen mit ihren Eltern.

 

Schillerstraße 7 (Blick auf den Innenhof)
Schillerstraße 7 (Blick auf den Innenhof)
Schillerstraße 7 (2. Haus)
Schillerstraße 7 (2. Haus)

Die drei Kasseler Brüder betrieben zusammen ein Wäschegeschäft am Pferdemarkt 28. Teilweise war es auf Isaak gemeldet, dessen Beruf mit Reisender angegeben wird, und teilweise auf die beiden Kaufmänner Leo und Benno. Leo lebte zwischenzeitig in Essen, wo er schon seit 1922 ein Geschäft betrieb, das er ab 1929 in Kassel in der Schillerstraße 7 weiterführte, ein Ladengeschäft für Herrenwäsche (dessen Wert er im Entschädigungsverfahren mit 62.000 RM angibt)  mit drei Schaufenstern und vier Angestellten.

In Kassel war er zunächst in der Werner-Hilpert-Straße, dann in der Mittelgasse und dem Pferdemarkt gemeldet. Als er die elf Jahre jüngere Zilla Spatz am 10.11.1937 heiratete, wohnte er in der Jägerstraße 7. Das Ehepaar zog wenig später, nämlich am 19.2.1938 in die Schillerstraße 7, wo ein Jahr später am 26. Februar 1939 ihre Tochter Jutti zur Welt kam.                                                                                                                                                                                                                            

An einem Samstag im Mai 1939 wird die junge Familie ins Polizeipräsidium geholt. Wegen des neugeborenen Kindes wird Zilla in die Wohnung zurückgeschickt, während ihr Ehemann aufgrund der Ausländer-Polizeiverordnung am nächsten Tag an die polnische Grenze gebracht wird. Da er aber keinen gültigen polnischen Pass hatte, wiesen ihn die Polen zurück. Er schlug sich nach Berlin durch und wandte sich an eine jüdische Auswandererstelle. Aufgrund seines Ausweisungsbescheids bekam er nach drei Wochen einen staatenlosen Pass und damit einen Platz in einem Transport nach England.

 

Seine Frau Zilla und ihre kleine Tochter Jutti blieben derweil in der Schillerstraße zurück. Am 9.12.1941 wurden sie zusammen mit 1000 weiteren Juden aus Nordhessen, die in einer Turnhalle in der Jägerstraße gesammelt wurden, zum Kasseler Hauptbahnhof geführt, in Güterwaggons verfrachtet und in das Ghetto Riga transportiert.

Aus einem Brief von Juttis Cousin Siggi Ziering, der ebenfalls in Riga war und die Zeit dort überlebt hat,  wissen wir, dass die zwei in Riga noch wenigstens zwei Jahre überleben konnten. Er berichtet von einer Selektion im November 1943 für den Transport nach Ausschwitz, bei der es Zilla und Jutti gelungen sei sich zu verstecken. Aber wie es den beiden weiter ergangen ist, weiß er nicht zu berichten.

 

Leo weiß zunächst nichts davon. Nach seiner Ankunft in England leistet er vom Dezember 1939 bis Mai 1941 in der britischen Armee Arbeitsdienst (Corps 165 Camp 3). Als er von der Deportation seiner Frau Zilla und seiner kleinen Tochter Jutti erfährt, erleidet er einem Nervenzusammenbruch und verbringt vier Jahre in verschiedenen englischen Hospitälern (mit Selbstmordversuchen und Elektroschockbehandlungen) Auch danach ist er vielfach in ärztlicher Behandlung, ist arbeitsunfähig und kämpft jahrelang darum, den Kausalzusammenhang zwischen seiner Erkrankung und dem Verfolgungsmaßnahmen zu beweisen. Die gerichtlichen Verfahren füllen viele Aktenordner und beschäftigen auch mehrere Landtage, den Bundestag und den Bundespräsidenten. Nach dem Krieg ist Leo zunächst in Palästina und in Deutschland gemeldet. Am 26.6.1960 wird sein Geburtsname Leib amtlich gegen Leo eingetauscht (Aktenzeichen 35/60 Stadt Kassel) und ab 14.4.1970 heißt er Arie (hebräisch Löwe) (Magistrat Sprendlingen). Er wohnt jeweils kurze Zeit in Kassel, zuletzt in der Hohenkirchener Straße 34, bevor er 1963 in den Frankfurter Raum umzieht. Am 15.11.1979 stirbt Arie Ziering in einem Altersheim in Langen.

Quellen:

HHStA Wiesbaden Entschädigungsakte Leo Ziering 518 Nr. 72382

HSTAMarburg 270 Kassel 3880, 4972, 6017, 7025

Stadtarchiv Kassel –  Adressbücher

B. Kleinert und W.Prinz: Namen und Schicksale der Juden Kassels – 1933 bis 1945, Kassel 1986

Helmut Thiele: Die jüdischen Einwohner zu Kassel, Kassel 2006

Gedenkbuch Bundesarchiv https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch

www.yadvashem.org

 "Buch der Erinnerung. Die in Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden", herausgegeben vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. u.a.; K.G. Saur Verlag München 2003, Band 2

 

Jürgen Strube 2015, November 2020

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