Die Stolperschwelle vor der JVA in Wehlheiden

Theodor-Fliedner-Straße 12

 

Der Text auf der Stolperschwelle lautet:

 

 

KARFREITAG – 30 . MÄRZ 1945 – 12 GEFANGENE ERMORDET

 

AUF DEM WEHLHEIDER FRIEDHOF VON GESTAPO ERSCHOSSEN UND VERGRABEN

 

SIE GEHÖRTEN ZU TAUSENDEN AUS VIELEN NATIONEN, DIE HIER 1933 – 1945

 

AUS POLITISCHEN, RASSISTISCHEN UND RELIGIÖSEN GRÜNDEN INHAFTIERT WAREN UND ENTRECHTET UND GEDEMÜTIGT WURDEN

 

ZUR ERINNERUNG UND MAHNUNG

Am späten Nachmittag des 30. März 1945 wurden 12 Menschen auf dem Wehlheider Friedhof in Kassel ermordet. Ein Kommando der Kasseler Sicherheitspolizei hatte die zwölf Opfer kurze Zeit vorher im unweit gelegenen Zuchthaus Wehlheiden abgeholt, mit Stricken gefesselt, auf den Friedhof geführt und dort mit Maschinenpistolen niedergeschossen. Anschließend wurden die Leichen in einem Massengrab verscharrt. Wie viele andere Ereignisse aus der Zeit des „Dritten Reiches“ war auch dieses Verbrechen lange Zeit in Vergessen geraten. Nachdem bereits eine Darstellung der lokalen Geschichte des Widerstandes an das Verbrechen und die Opfer erinnert hatte, wurden Hinweise auf die Erschießung erst wieder seit 1980 durch ein Forschungsprojekt der Gesamthochschule Kassel gesammelt. . . . . Im Rahmen einer Examensarbeit über Organisation und Praxis der Gestapostelle Kassel habe ich auch den Wehlheider Mord näher untersucht. So schreibt Michael Jäger 1987 in der Einleitung zu seinem 1987 im Brüder-Grimm-Verlag erschienen Buch „Gestapomord in Kassel Wehlheiden – Karfreitag 1945“.

Im Zuchthaus Kassel-Wehlheiden unterhielt die Kasseler Gestapo während des Krieges eine eigene Abteilung. Sieben Zellen der Abteilung B4 standen ausschließlich der Gestapo zur Verfügung. Dort lieferte sie Gefangene ein, die teilweise noch verhört werden sollten oder die bereits zur Überstellung an eine andere Haftanstalt bzw. ein Konzentrationslager vorgesehen waren. Zwar war das Zuchthaus für die Verpflegung zuständig, so dass die jeweilige Belegungsstärke an die Verwaltung gemeldet werden musste, die Häftlinge wurden jedoch ohne richterlichen Haftbefehl und ohne Angabe der Personalien eingeliefert. Ende März 1945 befanden sich 74 Gestapohäftlinge in der Abteilung B4.

Als am Gründonnerstag, den 29.März 1945, der Räumungsbefehl für das Zuchthaus Wehlheiden kam und die Strafgefangenen per Zug nach Halle verlegt wurden, verblieben die Gestapohäftlinge in Kassel, da für sie kein Transportbefehl vorlag.

Da selbst „5 Minuten vor 12“ nichts ohne Befehl stattfinden durfte, wurde am nächsten Tag ein Wachmann in die Goetheanlage zum Kasseler Gestapochef Marmon geschickt, um zu erfragen, was mit den Gefangenen geschehen solle. Marmon teilte daraufhin die verbliebenen Häftlinge in zwei Gruppen ein: Die erste Gruppe von etwa 60 sollte aus Kassel herausgebracht werden. Eine zweite Gruppe von 12 Personen sollte ohne Prozess oder Urteil liquidiert werden. Welche Kriterien für die Auswahl der 12 galten, ist unbekannt. Er beauftragte den Kriminalsekretär Kurt Knigge, ein Exekutionskommando zusammenzustellen und die 12 Häftlinge zu erschießen. Knigge wählte daraufhin fünf weitere Beamte für dieses Kommando aus und machte sich mit ihnen auf den Weg.

Dass es selbst in dieser Situation noch möglich war, sich der Beteiligung an einer solchen Mordaktion zu entziehen, berichtet Michael Jäger: „Zwei der Beamten erklärten, noch warten und später mit Fahrrädern nachkommen zu wollen. Stattdessen fuhren sie zum Hauptfriedhof und warteten dort zwei Stunden, bevor sie in die Goetheanlage zurückkehrten. Sie vermieden so ihre Beteiligung an der Erschießung.“

Die anderen marschierten zum Zuchthaus und holten dort die Gruppe der 12 Häftlinge ab. Zu zweien aneinandergefesselt wurden sie durch den Grasweg zum Wehlheider Friedhof gebracht. Dort angekommen wurden sie unverzüglich von den Beamten mit Maschinenpistolen niedergeschossen. Ein Häftling versuchte angesichts des Todes noch zu fliehen, auch er wurde erschossen. Nachdem die Leichen verscharrt worden waren, kehrte das Kommando zurück und Knigge erstattete „Vollzugsmeldung“.

Im Nachhinein wurde von den Tätern behauptet, es habe sich bei der Gruppe der 12 um Mörder und Plünderer gehandelt. Soweit überhaupt etwas über die Identität der Opfer gesagt werden kann, sind diese Behauptungen falsch. Nur 8 der 12 Namen sind bekannt. Und nur von drei Männern gibt es Biografien.

Das Schicksal des Kasselaners Wolfgang Schönfeld ist besonders tragisch. 1917 in Kassel geboren, erlebte er seit 1933 die gesellschaftliche Ausgrenzung aller jüdischen Bürger am eigenen Leib. 1943 wurde er wegen angeblicher „Rassenschande“ verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert. Im August 1944 gelang ihm die Flucht und er kehrte unerkannt nach Kassel zurück, wo er bis Ende Dezember versteckt lebte. Am 25. Dezember 1944 wurde er jedoch bei einer Kontrolle am Hauptbahnhof von der Polizei verhaftet, der Gestapo übergeben und im Zuchthaus Wehlheiden in der Abteilung B4 inhaftiert. Er, der KZ und Illegalität überlebt hatte, wurde nun – die Befreiung durch die vorrückenden Alliierten vor Augen – noch ermordet.

Bei der Suche nach einer Erklärung für die Erschießung am 30. März 1945 – 5 Tage vor der Befreiung Kassels – nennt Jäger zwei Voraussetzungen: Die Eskalation des Terrors gegen alle als Gegner abgestempelten Menschen und die Bereitschaft der Gestapoangehörigen die Untaten auszuführen.

Seit 1985 findet immer am Karfreitag auf dem Friedhof Wehlheiden eine Gedenkveranstaltung statt. Initiator und Träger ist der Ortsbeirat Wehlheiden. Er hat auch für den Gedenkstein an der Stelle der Ermordung gesorgt. Seit Jahren nimmt die Leitung der Justizvollzugsanstalt am Gedenken teil. So ist bei ihr der Gedanke geboren, an der Justizvollzugsanstalt Wehlheiden als letztem Aufenthaltsort der Menschen im Rahmen des KunstDenkmals STOLPERSTEINE mit einer Schwelle an sie zu erinnern. Diese nicht selbstverständliche Initiative verdient hohe Anerkennung.

Die Stolperschwelle ist durch die Justizverwaltung Hessen finanziert worden.

 

Bei der jährlichen Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof verlesen Mitglieder des Ortsbeirats die Namen der Opfer. Sie lauten:

 

Battista Barachetti aus Italien, geb. 1922

Alex Bouch aus der Ukraine

Pierre Bourgeois aus Frankreich

Henryk Kdazokowski aus Polen, geb. 1917

Krigo Schlachosvi aus der Ukraine

Wolfgang Schönfeld aus Kassel, geb. 1917

Peter Steier aus Kaiserslautern, geb. 1891

Ludwig Ziokowski aus Polen, geb. 1926

Und vier unbekannte Männer

 

Für Wolfgang Schönfeld gibt es bereits einen Stolperstein.

 

Quelle: Michael Jäger: Gestapomord in Kassel-Wehlheiden – Karfreitag 1945, Brüder-Grimm-Verlag Kassel 1987

 

Jochen Boczkowski

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