Dorrith Marianne, Hans und Gertrud Oppenheim

Kölnische Straße 2

 

Verlegung geplant für 23.5.2017

 

 Die jüdischen Eheleute Oppenheim hatten nur ein Kind. Um ihm bei der zunehmenden Verfolgung das Überleben zu sichern, trennten sie sich schweren Herzens von ihrer Tochter und schickten sie mit einem Kindertransport nach England. Sie versuchten vergeblich, später nachzukommen.

 

 Dorrith Marianne SIM, geb. Oppenheim, wurde am 8. Dezember 1931 in Kassel geboren. Im Sommer 1939 sah sie ihre Eltern zum letzten Mal am Hamburger Bahnhof, es war Juli. Sie beschreibt das später so:

 „Ich war 8 Jahre alt, als mein Visum am 26. Juli 1939 gestempelt wurde.Es gab ungefähr 10.000 Kinder wie mich, die vor Beginn des 2. Weltkriegs nach Großbritannien kamen. Einige von ihnen waren noch Babys; die meisten von uns waren Juden. Jedes von uns hatte einen Platz in einem Kindertransport, der aus dem Europa der Nazis herausführte. Nach dem Krieg konnten einige von uns Kindern wieder zu ihren Familien zurückkehren. Traurigerweise die meisten von uns nicht. So blieben wir entweder in unseren neuen Heimatländern, in denen wir aufwuchsen, oder wir kamen in andere Länder, verteilt über die ganze Welt.“

 Viel später, als sie schon Großmutter in Schottland geworden war, erfuhr Dorrith 1989 von einer Frau, die auch als Kind nach England kam und nun Schicksalsgefährten für den 50. Jahrestag dieser Transporte suchte. Dorrith engagierte sich mit ihr bei dieser Suche. 1990 gründeten sie die „Schottische Gesellschaft zur Wiedervereinigung der Kinder“ (SAROK). Ihre Erfahrungen dort und in einem Schreibclub ermutigten sie, ihre eigenen frühen Erlebnisse zu erzählen. Sie machte es sich dann zu ihrer späten Lebensaufgabe, in ihrer neuen Heimat Kindern und Erwachsenen in Schulen usw. von den Kindertransporten, der Verfolgung der Juden und dem Holocaust zu berichten.

 In ihrem Kinderbuch „In Meiner Tasche“ beschreibt sie, wie sie sich nach dem traurigen Abschied von „Mutti“ und „Vati“ einsam und voll Angst inmitten der vielen fremden Kinder auf dem Kindertransport fühlte. Sie fuhren im Zug nach Holland, wo ein Schiff nach England sie alle aufnahm. Manche Kinder kamen zu Verwandten. Dorrith hatte keine. So kam sie wie die meisten Kinder in eine fremde Familie, eine schottische, zu „Mum and Dad“ mit einem „richtigen Hund“. Briefe gingen hin und her zwischen Schottland und Deutschland, zu „Mutti und Vati“. Sie hofften so sehr, sich bald wieder zu sehen. Sie sollten es nicht mehr erleben.

 Ihre Mutter Annie Gertrud (Trude) Oppenheim, geb. Lindenfeld, wurde am 3. Mai 1902 in Kassel, Kölnische Str. 10, geboren. Ihre Eltern waren Minna, geb. Engersch, und Jacob Lindenfeld. Er war Kaufmann und hatte ein Aussteuergeschäft am Königsplatz. Von 1916 bis September 1930 lebte sie in der Kölnischen Str. 2, dorthin kehrte sie nach einigen Monaten in Köln wieder zurück.

 Ihr Vater Hans Oppenheim wurde am 16. April 1895 in Bad Sachsa, Grafschaft Hohenstein, Sachsen, geboren. Er kam mit 3 Jahren nach Kassel, Hohenzollernstr. 59. Dort hatte sein Vater eine Arztpraxis. Seine Eltern waren Sanitätsrat Dr. med. Julius und Alma Oppenheim, geb. Meyer. Sie wanderten rechtzeitig, wie ihre Tochter Alice und ihr Sohn Ernst, im Winter 1939 nach Kanada aus.

 Hans, der älteste Sohn, wurde Kaufmann und war bereits mit 24 Jahren ab 1919 bei der Firma Lieberg & Co., Kassel (Messinghof) beschäftigt.

 

Ab 1930 wohnte das Ehepaar in der Kölnischen Str. 2, hier wurde ein Jahr später Tochter Dorrith geboren. Die kleine Familie zog im Juni 1934 ins Auefeld 27. Im April 1938 wurde Hans Oppenheim jedoch aus seiner Firma entlassen – „im Zuge der Arisierung“.  Auch das mag die Familie veranlasst haben, Dorrith - zunächst allein – mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Nach der Entlassung des Vaters im April 1938 mussten sie zudem oft umziehen, insgesamt fünfmal in 4 Jahren.

Von der Großen Rosenstr. 22 aus wurden Dorriths Eltern am 30. Januar 1942 nach Theresienstadt deportiert. Nach ihrem Transport nach Auschwitz (Nr. EQU 1228) am 12. Oktober 1944 wurden sie ermordet. Tochter Dorrith Sim hat sie am 27. Februar 1989 in Yad Vashem eintragen lassen. Dort ist auch die Transportnummer vermerkt.

 

Dank des „Kindertransports“ blieb Dorrith das Verfolgungs- und Vernichtungsschicksal ihrer Eltern erspart. Aber sie erlebte die frühe Verpflanzung in eine völlig fremde Umgebung. Zunächst war für sie schon äußerlich alles fremd bei ihren Pflegeeltern in Schottland, nicht nur die Sprache: In Deutschland saß sie auf dem kleinen Sitz auf Vaters Rad, in Edinburgh gab es ein Auto – und einen richtigen Hund; so schrieb sie 1996 in ihrem Kinderbuch. Aber nicht mehr ausgegrenzt als Jüdin, fand sie endlich Freunde, ging zu den Pfadfinderinnen und war bei örtlichen Vereinen aktiv.

 Schottland wurde ihre Heimat. Später heiratete sie dort Andrew Sim. 1955 wurden die Zwillingstöchter Rosalind und Libby geboren und 1956 Susan. Ruth kam 1958 zur Welt und 10 Jahre später dann noch Sohn David Andrew. Zwischen 1976 und 1980 heirateten ihre vier Töchter. Dann kamen 10 Enkelkinder, später auch 7 Urenkel. Die große Familie traf sich oft in dem alten Fischerhaus, das sie inzwischen gekauft hatten.

Dorrith hatte nun Zeit für anderes, war weiter in der Gemeinde aktiv, dann bei der SAROK. Sie fing an zu schreiben und Vorträge zu halten – der Lebensinhalt ihrer späten Jahre. Ihr Kinderbuch „In My Pocket“ erschien 1996 in Englisch mit Zeichnungen von Gerald Fitzgerald. 2000 erschien die deutsche Übersetzung.

 

Sie erlernte ihre frühere Muttersprache aufs Neue. Und sie reiste in ihre Geburtsstadt Kassel. Am 23. August 2012 ist sie 80-jährig überraschend gestorben.

Anlässlich der 2. Buchauflage im Nov. 2013 berichtete Christina Hein nochmal in der HNA und initiierte die Stolpersteine für Familie Oppenheim gemeinsam mit Verlegerin Veronica Kraneis.             

 

Kindertransporte:

Im Herbst 1938, besonders nach den Novemberprogromen, drängte man u.a. in England die Regierung zum Handeln. Am 16. November beschloss das englische Kabinett, verfolgte Kinder bis 17 Jahre einreisen zu lassen. Jüdische Organisationen mussten alles Weitere organisieren und sicherstellen, dass kein Kind je von öffentlicher Hand unterstützt würde, alle Kosten wurden privat aufgebracht, z.B. auch von Kaufhäusern und den Quäkern. - Die Eltern mussten ihre Kinder bei der Reichsvertretung der Juden registrieren lassen, die Abreise kam dann kurzfristig, die Reiseziele waren oft unklar: Kinderheime in Palästina, Verwandte oder Freunde in England, die meisten Kinder aber kamen in neue Pflegefamilien in Großbritannien.

                                                                                                                       Kassel, Mai 2017  Gudrun Schmidt, Jürgen Strube

 

Bilder: Dorriths Leben in Kassel vor 1938 (einmal mit ihrer Großmutter) Durch Anklicken kann man sie vergrößern

 

Quellen:

Dorrith M. Sim: „In meiner Tasche“, illustriert von Gerald Fitzgerald, Opal Verlag Kassel, 2. Auflage 2013, ISBN 3-9806761-1-0 (vergriffen)

Stadtarchiv Kassel, Haustandsbuch A 3.32 HB 362 

Magistrat der Stadt Kassel (Hg.): Namen und Schicksale der Juden Kassels – 1933 bis1945, Ein Gedenkkuch (bearbeitet von B. Kleinert und W. Prinz), Kassel 1986

Yad Vashem - Gedenkbuch, Jerusalem  www.yadvsahem.org

HNA-Artikel 19.11.2013 von Christina Hein                                                

Bilder:   

Fritz-Bauer-Institut, Frankfurt  www.vor-dem-holocaust.de 

 

 

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