Verlegung am 14. Oktober 2014

Jutti und Zilla Ziering

Schillerstraße 7

 Jutti Ziering ist das jüngste Opfer, für das wir hier in Kassel einen Stolperstein verlegen.

 

Von ihr wissen wir fast nichts. Sie wurde am 31. März 1939 in Kassel geboren. Ihre Eltern waren Leo (Leib) Ziering und Zilla Ziering, geborene Spatz. Jutti war nicht einmal 2 Jahre alt, als sie am 9.Dezember 1941 zusammen mit ihrer Mutter nach Riga deportiert wurde.

Ihre Mutter Zilla Ziering stammte aus Nordhausen. Ihre Eltern waren Daniel und Maika Spatz. Sie wurde am 26. Februar 1911 geboren und kam vermutlich 1937 nach Kassel, wo sie den 11 Jahre älteren Leo Ziering (* 3.12. 1900) heiratete. Leo hat zwei Brüder, die wie er in Kalusz in Polen geboren und aufgewachsen sind und Ende der zwanziger Jahre nach Kassel gekommen sind, den fünf Jahre älteren Isaak (22.11.1895) und Benjamin (Benno), der 3 Jahre jünger ist (* 10.3.1903).

Die Brüder betreiben zusammen ein Wäschegeschäft am Pferdemarkt 28. Teilweise ist es auf Isaak gemeldet, dessen Beruf mit Reisender angegeben wird, und teilweise auf die beiden Kaufmänner Leo und Benno. Leo wohnt in der Werner-Hilpert-Straße, der Mittelgasse, der Kölnischen Straße und kurzfristig auch in Essen (1929).

Schillerstraße 7 (Blick auf den Innenhof)
Schillerstraße 7 (Blick auf den Innenhof)
Schillerstraße 7 (2. Haus)
Schillerstraße 7 (2. Haus)

Als er Zilla Spatz am 10.11.1937 heiratet, ist er in der Jägerstraße 7 gemeldet. Das Ehepaar zieht wenig später, nämlich am 19.2.1938 in die Schillerstraße 7, wo ein Jahr später die Tochter Jutti zur Welt kommt.

 

Leos jüngerer Bruder Benjamin hat 1926 eine Cilli Frisch geheiratet, mit der er ab 1932 am Pferdemarkt 28 und ab 1936 an der Tränkepforte ½ gemeldet ist. Die beiden haben zwei Söhne, Heinz Hermann, der 1926 geboren wurde und 1941 eine Lehre in Frankfurt antritt, und Siegfried, der 1928 geboren wurde.

Isaak und Benjamin gelingt es, am 28.8.1939 nach London auszuwandern. Anscheinend konnte auch Leo fliehen, denn er ist nach dem Krieg in Ramle / Palästina und Tel Aviv gemeldet und kommt in den 50er-Jahren sogar nach Kassel zurück.

Die anderen Familienmitglieder blieben zurück und wurden am 9. Dezember 1941 mit 1000 weiteren Juden aus Kassel und Nordhesen in das Ghetto Riga deportiert, darunter auch Zilla und und ihre kleine Tochter Jutti.

Einer wenigen Überlebenden ist Juttis Cousin Siegfried. In einem Brief an Verwandte schrieb er im Jahr 1946: „Am 9.12.41 nachmittags fuhren wir ab. Es waren ungeheizte 3ter Klasse Coupés. Wir fuhren über Berlin, Breslau, Posen, Königsberg, Tilsit und kamen am 12. Dezember 1941 in Riga an. Es war 40 Grad Kälte. Das meiste Gepäck ließen wir am Bahnhof auf Nimmerwiedersehen. Bei einem furchtbaren Schneesturm mussten wir ins Ghetto marschieren. Zehn Kilometer ... Wir bekamen zu zehn Personen ein kleines Zimmer und Küche. Die ersten drei Wochen bekamen wir überhaupt keine Verpflegung. An Frieden und Freiheit dachte schon keiner mehr, unser einziger Wunsch war, als Juden zu sterben, und wenn, dann zusammen.“ (Dieser Brief wird in der Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem aufbewahrt.)

Jutti und ihre Mutter haben nicht überlebt. Das letzte Lebenszeichen stammt vom Dezember 1943 ("Buch der Erinnerung. Die in Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden" (herausgegeben vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. u.a.; K.G. Saur Verlag München 2003, Seite 686). Ihr Vater hat in Yad Vashem für sie und ihre Mutter je ein Gedenkblatt erstellt. Darin wird Jutti mit ihrem eigentlichen Vornamen Yehudin genannt.

Ab 1958 ist Leo wieder in Kassel. Am 26.6. 1960 wird der Geburtsname Leib auch amtlich gegen Leo eingetauscht (Az. 35/60 Stadt Kassel). Er wohnt jeweils kurze Zeit in der Brasselsbergstraße, dem Steinbruchweg (in Bettenhausen) und der Friedrichstraße 36, bevor er in die Hohenkirchener Straße 34 zieht, von wo er am 1963 in ein Israelisches Altenheim in Frankfurt am Main zieht.


Jürgen Strube      2014

Die Ziele des Vereins

TERMINE 2017

Veranstaltungen der VHS, bei der wir Kooperationspartner sind

23.11.17 - 19.30 Uhr

Vortrag von Jens Fleming

Die Ministerialbürokratie und die Judenmörder

5 €

24.11.17 - 17.00 Uhr

Filmvorführung

Die Wannseekonferenz

 

30.11.17 - 19.30 Uhr

Vortrag von Gunnar Richter

Die Chefs der Kasseler Gestapo

5 €

 

7.12.17

Buchvorstellung

An Frieda Sichel und ihre Familie erinnern vier Stolpersteine. Sie selbst schrieb 1976 mit "Challenge of the Past" ihre Lebenserinnerungen. Mehr als 40 Jahre später erscheinen diese nun endlich erstmals auf Deutsch im Verlag Hentrich & Hentrich - herausgegeben vom Archiv der deutschen Frauenbewegung und Wolfgang Matthäus von Stolpersteine in Kassel e. V.:

Frieda Sichel, Die Herausforderung der Vergangenheit

Wir stellen das neue Buch vor.

 

7.12.17  19:00 Uhr

Kirche im Hof

Friedrich-Ebert-Straße 102

Teilnahme kostenlos

 

2018

 

voraussichtlich im März

weitere Steinverlgungen