Max, Luise und Marion Gertrud Wertheim | Cäcilie Lion

Weißenburgstraße 8

Bereits im Oktober 2014 ist vor Weißenburgstraße 8 ein Stein für Horst Wertheim errichtet worden. Zehn Jahre später folgen die Steine für seine Eltern, seine Schwester Marion und seine Großmutter Cäcilie.

Horsts Stein ist seinerzeit von seinem Cousin Lionel Levison aus den USA angeregt und finanziert worden. Er hat damals zur Bedingung gemacht, dass einzig und allein an Horst erinnert werden sollte, weil nur von ihm das exakte Sterbedatum – 5. Juni 1943 – bekannt sei. Da bei den anderen Wertheims als Schicksal „verschollen“ eingetragen sei, wolle und könne er nicht zustimmen, dass für sie Stolpersteine gelegt werden. Auch Beratungsgespräche vermochten ihn nicht umzustimmen. Dr. Lionel Levison, geboren 1930 in Kassel, ist 2020 in Philadelphia gestorben. 1939 Flucht von Kassel nach England zusammen mit Eltern.

 

Max Wertheim ist 1894 in Niedenstein geboren. Seine Eltern waren Marianne Gumpert und Adolf Anschel Wertheim. Mutter Marianne ist 1931 in Niedenstein gestorben. Vater Adolf ist am 7. September 1942 von Kassel in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Am 29. September 1942 ging es mit Transport Bs weiter ins Vernichtungslager Treblinka. Keiner hat überlebt. Auch seine Schwester Minna ist der rassistischen Verfolgung zum Opfer gefallen

Max Wertheim ist nach einer kaufmännischen Ausbildung erstmals 1911 in den Melderegistern Kassels erfasst. In 1914 musste er zum Militär und sein Leben im imperialistischen Krieg aufs Spiel setzen. Nach dem Krieg ist er wieder in Kassel und lernt seine spätere Frau kennen. Am 24.10.1921 heiraten Luise Lion in Kassel und wohnen ab dann im Hause Weißenburgstraße 8.

 

Luise ist am 23. Mai 1898 in Kassel geboren. Ihre Eltern sind Hermann und Cäcilie Lion. Mit ihren Eltern wohnt sie ab 1907 in der Weißenburgstraße. Hermann ist Mitinhaber einer Immobilienfirma, deren Gründung in den 1870-er Jahren erfolgt ist. Nach Hermans Tod in 1915 und der Eheschließung ist Max in der Maklerbranche mit einem eigenem Geschäft tätig. Er führt es von der im 1. Stock gelegenen Wohnung. Ehefrau Luise ist als Prokuristin im Handelsregister eingetragen.

 

Passfotos auf den Kennkarten (Volkskartei) (StadtA Kassel)

 

Max und Luise bekommen 2 Kinder. Horst ist 1922 geboren und Marion 1928. Bis 1933 leben die Wertheims in der Weißenburgstraße.

Nach der Machtübertragung an die NSDAP wurde alles anders. Die Kinder waren gerade 11 und 5 Jahre alt, da wechselten die Wertheims unter dem Druck von Boykott und Ausgren­zung im Oktober 1933 die angestammte Wohnung und zogen in die Kölnische Straße 77. Nur 6 Monate blieben sie dort. Dann ging es für 1 ½ Jahre nach Niedenstein in die Geburtsstadt von Vater Max. In Niedenstein lebten 1933 noch 70 jüdische Menschen. Die Flucht von der Großstadt aufs Land und umgekehrt vom Land in die ‚Anonymität‘ der Stadt geschah in der Hoffnung, dadurch die Verfolgungen und Demütigungen etwas zu mildern. Viele Juden haben diese Odyssee hinter sich. Aber schon 1935 waren die Wertheims wieder in Kassel. Kaiserstraße 12 und 32 und Spohrstraße 1 hießen die jeweils nur kurze Zeit gültigen Adressen. Ab Oktober 1939 wohnten sie Akazienweg 23. Im Herbst 1940 wurden sie dann in das Judenhaus Schillerstraße 7 gezwungen.

 

Im November 1938 gehörte Max Wertheim zu den 250 jüdischen Männern, die von Kassel aus für einige Wochen ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurden und Demütigungen und Misshandlungen ausgesetzt waren.

Von geregelten Einnahmen aus Erwerbstä­tigkeit waren sie, wie alle Juden, abgeschnitten. Sie mussten von der Substanz leben, wobei die Finanzbehörden sie drangsalierten. Wie bei dem Hin und Her der Schulbesuch für die Kinder aussah, ist nicht vorstellbar. Zumal jüdische Kinder von den öffentlichen Schulen seit 1938 aus­geschlossen waren. Im Kasseler Gedenkbuch ist eingetragen, dass Horst im Juli 1940 für kurze Zeit allein in Berlin war. Es kann vermutet werden, dass es ein Versuch des Jugendlichen war, Möglichkeiten der „Ausreise“ zu erkunden.

 

Cäcilie Lion geborene Rosenthal wurde am 3. August 1870 in Bad Nauheim geboren. Die Eltern waren der Metzger Lazarus Rosenthal und dessen Ehefrau Karoline geb. Kahn. Sie war verheiratet mit Hermann Lion und lebte mit ihm in der Weißenburgstraße. Hermann ist 1915 verstorben. Danach betrieb sie zusammen ihrem Schwager Moritz das Maklergeschäft weiter. Auch sie wurde aus ihrer angestammten Wohnung vertrieben und in ein Judenhaus eingewiesen. Ihre Schwestern Recha, verheiratete Wartensleben (1874 – 1942) und Nanni, verheiratete Wallach (1868 – 1942) sind Opfer der rassistischen Verfolgung. Bruder Berthold flüchtete 1933 in den Tod.

 

Am 9. Dezember 1941 wurden die vier Wertheims und Cäcilie Lion mit 1000 anderen Juden von Kassel-Hauptbahnhof in das Ghetto Riga deportiert.

Über den Transport berichten Lilly und Joseph Strauss, Überlebende aus Hünfeld:

„Am nächsten Tag, also am 9.12., fuhren wir in Kassel los. Uns transportierte man noch in richtigen Eisenbahnwaggons, . . . . .

Unsere Waggons waren trotz der wahnsinnigen Kälte nicht geheizt. Durst hatten wir, dass uns die Zunge am Gaumen klebte. Zu essen hatten wir nur die Brote, die wir noch von zu Hause bei uns hatten. Es gab Kranke in den Waggons, aber einen Arzt hatten wir nicht. Die Schwestern und Sanitäter haben, so gut sie konnten und Mittel hatten, Hilfe geleistet. Als Sanitäter war dabei unser Vetter Max aus Niedenstein, und Sohn Horst war Transport-Ordnungsmann. Unsere Nichte (Trude), Tochter von Josephs Schwester Berta (Kaiser), war als Schwester und Frieda .... (unleserlich) die Frau von .... (unleserlich) war auch als Schwester (tätig).“

Und über die Auflösung des Rigaer Ghettos am 2.11.1943

"Man fürchtete nun dauernd, dass eine große Veränderung eintreten würde, und so kam es dann auch. Am 2. November 1943 ging morgens nur ein Kommando aus dem Ghetto zur Arbeit, dieses nannte sich A.B.A. - Armeebekleidungsamt. Alle anderen waren im Ghetto geblieben. Es kam eine Menge lettische SS und trieb die Menschen aus den Häusern heraus auf einen großen Appellplatz. Dort standen viele Lastwagen und mit Maschinengewehren und Pistolen bewaffnete SS. Außerdem war auf dem Platz anwesend der Kommandant mit noch einigen deutschen SS-Leuten.

Jetzt wurden die Menschen wahllos genommen. Von unseren Verwandten gingen mit diesem Transport: Unsere lieben Eltern, Josephs Schwester Berta mit Mann, Selma Wertheim, die Frau von Aron aus Kassel, die Frau von Max Wertheim aus Niedenstein, Licci mit Tochter und Mutter, Frau Lion aus Kassel. Weiter: Meier Wertheim mit Frau, der Sohn von Onkel Mendel, Bertha Höchster mit Mann und Sohn - sie war die Tochter von Tante Rosalie aus Kirchhein (Hatzbach) - und dann noch sehr sehr viele gute Bekannte. Kleine Kinder kamen restlos weg, nur einigen Eltern gelang es, sie gut zu verstecken." 

Das Rigaer Ghetto in der Warschauer Vorstadt.

 

Zu Max Wertheim, Marion Wertheim und Cäcilie Lion gibt es keine Angaben zu Sterbeort und Jahr

Luise Wertheim ist am 2.11.1943 von Riga nach Auschwitz deportiert worden.

 

Jochen Boczkowski im Juni 2024

 

Quellen:

Kleinert und Prinz: Namen und Schicksale der Juden Kassels 1933-1945 – HG Stadt Kassel in 1986

Bundesarchiv: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden

Stadtarchiv Kassel: Adressbücher Kassel

arolsen-archives

Staatsarchiv Marburg: Personenstandsurkunden Kassel und Niedenstein

Webseiten:

https://jinh.lima-city.de/gene/gumbert/The_descendants_of_Itzig_Gumbert_from_Hoof-1.htm

http://www.juedspurenhuenfelderland.de/%C3%BCberleben-im-kz/im-ghetto-riga/

The descendants of Itzig Gumbert from Hoof

https://www.holocaust-erinnerungsmal-badnauheim.com/l-namen-der-holocaust-opfer/

https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/36294-adolf-wertheim/

 

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