Marga, Berta (Breindel) und Felix (Feiwel) Grauer

Kurt-Schumacher-Str. 18 (früher dort Kasernenstraße 5)

Marga GRAUER wurde als einziges Kind drei Jahre nach der Heirat ihrer (ostjüdischen) Eltern am 8.6.1928 in Kassel geboren. Über ihr Schicksal ist kaum etwas bekannt. Vermutlich besuchte sie die nahe Jüdische Volksschule. Als sie 11 Jahre alt war, blieb sie mit ihrer Mutter allein zurück; denn ihr Vater war 1939 nach England entkommen. Wie die KLARMANN- und GOLDSCHMIDT-Mädchen auch, wurde sie mit ihrer Mutter am 9.12.1941 von Kassel ins Ghetto Riga deportiert. Dann verlieren sich die Spuren von Marga und ihrer Mutter.

 

Ihre Mutter Berta (Breindel) GRAUER, geb. REICH wurde am 9.1.1903 in Lancut (Polen) geboren. Ihre Eltern waren Helene REICH, geb. KLARMANN und Leib REICH. Da diese aber nur nach jüdischem Ritus geheiratet hatten, musste Berta ab 1931 offiziell wieder den Mädchennamen KLARMANN annehmen und wurde „amtlich als uneheliche Tochter“ geführt. – (Zur Kleinstadt Lancut mit ihrer ehemals blühenden jüdischen Gemeinde und der eindrucksvollen Barocksynagoge siehe Familie Samuel KLARMANN. Möglicherweise sind Samuel KLARMANN und Helene REICH geb. KLARMANN, beide aus Lancut, miteinander verwandt.)

 

Margas Vater Felix (Feiwel) GRAUER (später englisch GREY) wurde am 29.11.1899 in Rava-Ruska an der ukrainischen Grenze, heute Polen, geboren. Sein Vater war Jacob GRAUER, seine Mutter ist hier nicht bekannt.

 

Über die sehr wechselvolle Geschichte dieser multiethnischen ostgalizischen Stadt mit über 50 % jüdischem Bevölkerungsanteil von mindestens 6.000 Juden in der Zwischenkriegszeit ließe sich viel sagen: 1/3 der Einwohner waren polnisch-katholisch und 15 % Ukrainer zu der Zeit. Es gab u.a. eine hebräisch-sprachige Schule, eine jüdisch-orthodoxe Mädchenschule und ein vielfältiges soziales und kulturelles Leben. Die meisten Juden waren im Groß- und Kleinhandel und im Handwerk tätig, wenige in freien akademischen Berufen. Dann kam der 2. Weltkrieg mit wechselnder NS- und sowjetischer Besatzung. Zeitweise lebten etwa 11.000 Juden im neu eingerichteten Ghetto von Rava-Ruska unter extremen Bedingungen, und es kam zu Massenerschießungen durch die SS und zu anderen Gräueltaten.

 

Wann nun Felix (Feiwel) GRAUER nach dem 1. Weltkrieg nach Deutschland und zunächst nach Frankfurt kam, ist nicht bekannt. Er war selbständiger Kaufmann und handelte mit Textilwaren. Seit 1925 lebte er in Kassel.  

Fotosammlung Murhard'sche Bibliothek
Fotosammlung Murhard'sche Bibliothek

1925 heirateten Margas Eltern und wohnten seit 8.4.1925 in der Kasseler Altstadt. Seit 3.3.1928 – 3 Monate vor ihrer Geburt zogen sie in die Wolfhager Str. 13, am 9.11.1929 in die Kasernenstr. 5, am 5.11.1940 nur noch zu zweit in die Wilhelmshöher Allee 25 A. Sie mussten 2 Monate später noch in die Marktgasse 21 umziehen – 11 Monate vor ihrer Deportation. Da war Vater GRAUER mit 39 Jahren bereits am 31.8.1939 nach England ausgewandert. Es blieb offen, ob er seine Familie nachholen wollte.

Mutter Berta Breindel und Tochter Marga aber wurden mit dem 1. Transport am 9.12.1941 nach Riga deportiert, da waren sie 38 und 13 Jahre alt. Sie gelten als „verschollen“.

Nach dem Tod von Frau und Tochter hatte der Witwer Felix GRAUER am 20.3.1947 in 2. Ehe die berufslose britische Staatsangehörige Rachel GRAUER / GREY geb. Hitner, geboren am 9.3.1898 in Grimsby / England geheiratet. Er war 48, sie 47 Jahre alt, ebenfalls verwitwet und Jüdin.

Felix / Feiwel GRAUER änderte seinen Nachnamen später in das englische GREY. Er war dort Händler für Büroeinrichtungen und wurde britischer Staatsbürger. Er starb wenige Tage vor seinem 54. Geburtstag am 25.11.1953 in London.

 

Gudrun Schmidt

Oktober 2024

Verlegung am 24.10.2024

 

Quellen

„Namen und Schicksale der Juden Kassels“, bearbeitet von B. Kleinert und W. Prinz, Hrsg. Stadt Kassel 1986

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: HHStAW Bestand 518 Nr. 68952

„protecting-memory.org: Geschichte der Juden in Rava-Ruska“  

 

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