Bei Beginn der NS-Herrschaft waren die Brüder Manfred und Helmut Samuelsohn noch Kinder. Sie wurden am 4. Februar 1921 bzw. am 24. August 1924 als Söhne von Siegmund und Helene Samuelsohn in Kassel geboren.Manfred besuchte von 1927 bis 1931 die Volksschule, danach ein Gymnasium, nach eigenen Aussagen war er in dieser Zeit in einer Gruppe der jüdischen Jugend aktiv gewesen. Die höhere Schule verließ er mit der Versetzung in die Oberstufe Ostern 1937, da es für ihn als Juden keine Aussicht auf die Zulassung zum Abitur und das von ihm angestrebte Studium der Chemie mehr gab. Manfred Samuelsohn verzog 1937 für einige Monate nach Würzburg, wo er vorhatte, das jüdische Lehrerseminar zu besuchen. Dem dort herrschenden streng orthodoxen Milieu konnte er sich jedoch nicht fügen und kehrte nach Kassel zurück, wo er ein Jahr als Praktikant in einem Elektrobetrieb, danach bis zum Kriegsbeginn als Bauhilfsarbeiter arbeitete.
Welche Schule Helmut besuchte, war nicht zu ermitteln. Offenkundig war es aber auch ihm auf Grund der Diskriminierung und Entrechtung als Juden nicht möglich, in Kassel die von gewünschte Schul- und Berufsausbildung zu erhalten.
In dieser Situation beschloss der Familienrat die Auswanderung der beiden Söhne. Helmut verzog 1938 bis 1939 für zwei circa halbjährige Aufenthalte nach Frankfurt a. M., dann 1939 für knapp zwei Jahre bis November 1941 nach Schniebinchen/Krieschow (Cottbus). Manfred hielt sich zur "landwiirtschaftlichen Ausbildung", wie er nach dem Krieg angab, von Oktober 1939 bis zum Sommer 1941 in Neuendorf bei Fürstenwalde und Polenzwerder bei Eberswalde auf,
An diesen Orten befanden sich Zentren der Hachschara, der gemeinschaftlich organisierten landwirtschaftlichen, gärtnerischen, handwerklichen oder hauswirtschaftlichen Berufsausbildung junger Jüdinnen und Juden. Ziel war es, diese im Rahmen des Hechaluz auf die Einwanderung (Alija) ins Britische Mandatsgebiet Palästina/Erez Israel vorzubereiten und zu qualifizieren, wozu auch das Erlernen der hebräischen Sprache gehörte. Vermutlich lernte Helmut hier den Beruf des Autoschlossers, der auf einer seiner Karteikarten des KZ Buchenwald angegeben ist.
Dass man in Polenzwerder auch zwangsweise in der Zieglei und der Kiesgrube habe arbeiten müssen, bewog Manfred zur Rückkehr nach Kassel und auch sein Bruder kam - ohne Aussicht auf Auswanderung - wieder zur Familie.

Manfred und Helmuts Mutter Helene Bibo stammte aus Grebenau (Kreis Alsfeld), wo sie am 5. März 1892 als Tochter des Handelsmannes Moses Meyer und seiner Frau Dina geboren wurde. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte sie das Schneiderhandwerk und brachte es bis zur Meisterin in der Damenschneiderei. Auf ihrer Kennkarte aus dem Jahr 1939 gab sie zudem Kenntnisse in Buchhaltung und Maschinenschreiben an. 1920 heiratete sie Siegmund Samuelsohn, der aus Landsberg a. d. Warthe stammte. Nach der Geburt der beiden Söhne zog die Familie 1927 in das Haus Hedwigstraße 9, das der Familie Mendershausen gehörte, die dort an der Ecke zur Königsstraße auch ein angesehenes Schuhgeschäft betrieb. Siegmund Samuelsohn starb kurz nach dem Umzug im Oktober 1927. Noch im gleichen Jahr zog der gleichfalls aus Landsberg stammende Alfred Bibo in die Hedwigstraße 9. Als Vetter des Verstorbenen wolte er wohl der Witwe und Mutter von zwei jungen Kindern beistehen, vermutlich auch die Geschäfte von Siegmund Samuelsohn übernehmen.
(Fotos unten. Das Schuhaus etwa 1930, Luftbild mit dem Haus Hedwigstraße 9 um 1930 - Murhardsche Bibliothek)

Der am 9. August 1889 geborene Alfred Bibo hatte ein Realgymnasium bis zur 9. Klasse besucht und eine kaufmännische Ausbildung erhalten. Während des gesamten Ersten Weltkrieges war er Soldat, zuletzt als Unteroffizier. Alfred Bibo und Helene Samuelsohn heirateten 1931.
Am 10. November 1938 gehörte Alfred Bibo zu den mehr als 250 jüdischen Männern aus Kassel und insgesamt fast 10.000 Männern, die im Zuge der Novemberpogrome verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt wurden. Dort mussten die Häftlinge schon in den ersten Tagen den Tod von Leidensgenossen in einem eigens eingerichteten Sonderlager erleben, einer mit Stacheldraht vom übrigen Lager abgetrennten „Sonderzone“. Hier kamen alle Extreme des KZ zusammen: Enge, Wassernot, vollkommen unzureichende sanitäre Einrichtungen und Ernährung, der Terror der SS, „Schlafregale“ ohne Decken und Strohunterlage, die lediglich 50 cm hoch waren. Auch Morde gehörten dazu. So erinnert sich der letzte Kasseler Rabbiner Dr. Robert Raphael Geis, der mit Alfred Bibo in Buchenwald inhaftiert war: „Da standen wir zu Tausenden und Abertausenden an diesem Tag von morgens 6.00 Uhr bis spät in die Nacht auf dem Appell-Platz. Zur Abendstunde wurde vorn auf dem Kommando-Turm, für uns nicht sichtbar, ein Jude zu Tode geprügelt. Er rief mit immer schwächer werdender Stimme das Bekenntnis: ‚Höre Israel, Gott ist unser Gott. Gott ist Einer.‘ Juden, für die jeder Laut das Ende bedeuten konnte, beteten dennoch mit dem sterbenden Bruder: ‚Höre Israel, Gott ist unser Gott. Gott ist Einer,‘ antworteten wie Juden gläubigerer Zeiten, bekannten sich in der Stunde, die todeserfüllt bis über den Rand war, zum Gott ihrer Väter. Ja, zu Juden, zu bekennenden Juden wurden wir geschlagen.“
Nach fast vier Wochen Haft wurde Alfred Bibo entlassen.
Appell der sog. "Aktionshäftlinge" im November 1938 in Buchenwald - Geldkarte von Alfred Bibo
Wieder zurück in Kassel, musste Alfred Bibo offenbar Zwangsarbeit leisten. Jedenfalls gab der gelernte Kaufmann 1939 auf seiner Kennkarte als Beruf „Erdarbeiter“ und damit eine für zwangsarbeitende Juden typische Tätigkeit an. Mit der Verschärfung der antijüdischen Maßnahmen im Herbst 1941 hatten er und seine Familie seit September den gelben Stern zu tragen.Manfred Samuelsohn, der in dieser Zeit "unter groben und unhöflichen Umnständen" als Bauhilfsarbeiter gleichfalls Zwangsarbeit leistete, gab lange nach dem Krieg an, er sei ziemlich erschöpft gewesen, weil er die öffentlichen Verkehrsmittel trotz der langen Anmarschwege nich hätte benutzen dürfen, er schlechter bezahlt worden sei und den Judenstern habe tragen müssen.
Dem Auswanderungsverbot folgten die ersten Deportationen aus dem Reich. Das Ehepaar Bibo und die beiden Söhne Manfred und Helmut gehörten zu den mehr als 1.000 Jüdinnen und Juden aus dem Regierungsbezirk, die am 9. Dezember 1941 mit dem Sonderzug „Da 36“ der Reichsbahn nach Riga deportiert wurden. Sie teilten damit das Schicksal von insgesamt etwa 23.000 Menschen aus dem gesamten Reich, die man innerhalb eines knappen Jahres in die von den Deutschen besetzte lettische Hauptstadt verschleppte. Als die Kasseler bei eisiger Kälte in Riga ankamen und völlig erschöpft durch lettische Hilfspolizisten und die Sicherheitspolizei vom Bahnhof Riga-Šķirotava in das dortige Ghetto für die lettischen Juden sechs Kilometer weit getrieben wurden, war dieses kurz zuvor geräumt worden. Dazu waren Tausende lettischer Juden in dem Wald von Rumbula, einige Hundert auch im Ghetto selbst ermordet worden. Dort waren die Spuren dieser Verbrechen für die Neuankömmlinge unübersehbar.
Ghetto Riga - Die Spuren der gewaltsamen Räumung sind für die Neuankömmlinge unübersehbar
Für die Aufrechterhaltung der deutschen Besatzungsherrschaft und für die Kriegsführung im Osten war die Zwangsarbeit der Ghettoinsassen unverzichtbar. Sie mussten für Einrichtungen der Wehrmacht, aber auch z. B. der Reichsbahn und für Wirtschaftsunternehmen arbeiten. Im Stadtbild waren ihre Kolonnen unübersehbar (siehe Foto). Helene Bibo soll laut Aussage ihres Sohnes Manfred Samuelsohn im Reichsbahnausbesserungswerk Riga- Šķirotava gearbeitet haben und im Zuge einer sogenannten „Aktion“ im Juli 1944 vom in das KZ Riga-Kaiserwald verbracht worden sein, das nördlich von Riga nach der Auflösung des Ghettos errichtet worden war.. Wie sie zu Tode kam, ist bis heute nicht aufgeklärt.
Ihrem Mann und den beiden Söhnen gelang es, die Zeit in Riga zu überleben. Mit dem Herannahen der Roten Armee wurden sie wie die allermeisten der in der Region Riga verbliebenen Juden in das bei Danzig gelegene KZ Stutthof verbracht, wo sie am 9. August 1944 registriert wurden. (siehe Häftlingskarten unten)
Helmut Samuelsohn wurde schon eine Woche später von Stutthof in das KZ Buchenwald überstellt und kam dort in das Außenlager Tröglitz-Rehmsdorf. Am 27.2.1945 wurde er schwerkrank in den Häftlingskrankenbau im KZ Buchenwald eingeliefert, wo er am 2.3.1945 starb. (siehe Dokumente unten - Arolsen Archives)

Als die Rote Armee auf nach Westen vorrückte, begann die SS mit der Räumung von Stutthof. In einer ersten großen Welle schickte sie etwa 25.000 Häftlinge auf Märsche Richtung Osten, die für die meisten von ihnen zu Todesmärschen wurden. Ende April, als sich noch etwa 4.500 Häftlinge im Lager befanden, erfolgte die zweite Räumungswelle, bei der man Häftlinge in dafür völlig ungeeigneten Schiffen und Booten auch über See schickte. Alfred Bibo gehörte zu denjenigen, die in primitiven Schuten am 3. Mai 1945 in der Neustädter Bucht landeten, nachdem zahlreiche Menschen schon auf der Fahrt ums Leben gekommen waren. In der Bucht sollten sie an Bord der Cap Arcona gebracht werden, was daran scheiterte, dass die dazu nötigen Schiffe bereits vollkommen mit Häftlingen überfüllt waren. Angesichts der militärischen Lage und des Vorrückens britischer Vorauskommandos auf Neustadt verließen die SS-Wachmannschaften die Lastkähne. Die Schiffe trieben ans Ufer, wo sich die Häftlinge am frühen Morgen des 3. Mai auf die Suche nach Nahrungsmitteln machten. Neustädter Bürger, Angehörige der Kriegsmarine sowie einer Versehrteneinheit und des Volkssturms trieben daraufhin in der sogenannten „Sammelaktion“ die Häftlinge zusammen und erschossen fast 300 von ihnen, darunter Frauen und Kinder. Die Übrigen wurden auf die Athen gebracht, die am Marinehafenkai lag, wo etliche von ihnen den Luftangriffen zum Opfer fielen.
Alfred Bibo überlebte diesen Massenmord, nicht aber die jahrelangen Strapazen und Qualen, denen er ausgesetzt worden war. Er starb am 18. Mai 1945 im Landeskrankenhaus in Holstein und wurde später auf dem jüdischen Friedhof in Neustadt begraben.
Als einziger aus der Familie sollte Manfred Samuelsohn überleben. Über seine Leidensgeschichte gab er 1967 in Göttingen einem Psychiater Auskunft.
Danach gehörten er und sein Bruder Helmut zu den etwa 2.000 aus dem Deutschen Reich deportierten Juden, die nach der Deportation nach Riga das „Erweiterte Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager Salaspils“ aufbauen mussten, das seit Dezember 1941 etwa 20 Kilometer südöstlich von Riga in einen Wald errichtet wurde. Bereits auf dem Weg dorthin wurden Menschen erschossen. Im Lager selbst mussten die Brüder zur Abschreckung der Erschießung von Jugendlichen zuschauen, andere wurden zu ihrer Ermordung abtransportiert oder verhungerten. Manfred aß zum ersten Mal in seinem Leben Zahnpasta, um nicht zu verhungern. Schwerste körperliche Zwangsarbeit selbst bei eisiger Kälte von mehr als 30 Grad, durch die Manfred zwei Zehen verlor, führte zu Krankheiten und prägte den Alltag in der „Barackenstadt“ ebenso wie die Brutalität des Lagerpersonals. 1967 sprach Manfred davon, dass diese Monate zu den schwersten seines Lebens gehörten und nur die Verantwortung für seinen Bruder ihn am Leben gehalten hätte. Beide kamen im Mai 1942 ins Ghetto zurück und gehörten zu den Wenigen der 2.000 nach Salaspils Deportierten, die das überlebt hatten. Manfred wog nur noch 35 Kilo.
Appell in Salaspils - Das Lager im Aufbau (Bundesarchiv)
Er war zur Zwangsarbeit bei verschiedenen Arbeitskommandos: so in der Kfz-Werkstatt des Reichskommissariats Ostland oder beim Heeresbekleidungsamt, wo von der Front kommende blutige Uniformteile sortiert und aufgearbeitet wurden, die mit einem Gift desinfiziert worden waren. Die Unterkunft war verseucht von Ratten, deren Bissen Manfred nachts ausgesetzt war.
Mit der im Frühjahr 1943 beginnenden Auflösung des Ghettos ließ die SS am nordöstlichen Stadtrand von Riga das KZ Kaiserwald errichten. Etwa 10.500 Menschen aus dem Ghetto trieb man dorthin, darunter auch Manfred. Nur etwa 2.000 blieben direkt im KZ Riga-Kaiserwald, die anderen kamen in eines der 15 Außenlager innerhalb und außerhalb der Stadt. Manfred arbeitete in einem Treibstofflager und einer Werkstatt der Reichsbahn, bis das KZ angesichts des Vorrückens der Roten Armee im Baltikum geräumt wurde, nachdem die SS zuvor Ältere, Kinder und Geschwächte ermordet und versucht hatte, die Spuren ihrer Verbrechen in Riga zu beseitigen.
KZ Riga-Kaiserwald nach der Räumung
Mehr als 10.000 Häftlinge transportierte die SS von Juli bis Oktober 1944 auf dem Seeweg in das bei Danzig gelegene KZ Stutthof. Wie sein Bruder Helmut und der Stiefvater Alfred Bibo wurde Manfred am 9. August 1944 dort registriert, wo er jedoch nicht blieb, sondern in das Außenlager Stutthofs beim Reichsbahnausbesserungswerk Stolp in Pommern (heute: Słupsk) kam, um dort Güterwaggons zu reparieren. Von dort brachte man ihn im Februar 1945 in das gleichfalls zu Stutthof gehörende Außenlager Burggraben in Danzig, von wo er Ende März mit Bussen der Wehrmacht (wie er sich erinnert) zurück nach Stutthof transportiert wurde, wo auch sein Stiefvater war.
Die Krematoriumsöfen und eine Teilansicht des KZ Stutthof, aufgenommen nach der Befreiung (United States Holocaust Memorial Museum)
Stutthof war bereits 1939 als Lager errichtet worden und wurde und seit Januar 1942 offiziell als Konzentrationslager geführt. Zeitweilig nahm das KZ den Charakter eines Vernichtungslagers an. Von den insgesamt etwa 115.000 Gefangenen kamen 65.000 ums Leben, darunter viele in den Gaskammern, die es dort gab. Von den 50.000 Juden, die man nach Stutthof brachte, wurden die meisten ermordet.
Als Manfred hier ankam, stand die zweite Welle der Räumung des KZ Ende April bevor – diesmal auf dem Weg über die Ostsee. In psychiatrischen Gesprächen nach dem Krieg spricht er von einem Transport, der ihn am 11. Mai 1945 nach Malmö in Schweden brachte, sagt aber auch, dass er an diesen Transport keinerlei Erinnerung mehr habe. Vielleicht, weil er wie viele Häftlinge zu diesem Zeitpunkt an Fleckfieder erkrankt war? Wir konnten seinen Weg mühsam rekonstruieren.
Ende April, als die sowjetische Armee schon in unmittelbarer Reichweite war und sich noch etwa 4.500 Häftlinge im Lager Stutthof befanden, wurden Häftlinge mit einer Kleinbahn nach Nickelswalde (Mikoszewo) an der Weichselmündung transportiert, um von dort über die See in das unbesetzte Reichsgebiet gebracht zu werden. Bereits auf diesem Transport wurden Schwerkranke von den SS-Begleitmannschaften aus den Waggons geworfen und vor der Einschiffung auf den Lastkahn „Ruth“ noch einmal zahlreiche Häftlinge erschossen.
Die „Ruth“ war für den Transport von Menschen vollkommen ungeeignet, aber nun wurden 1.060 Geschwächte und oft Kranke auf ihn gezwungen. In dem Tagebuch von Franz Basler, der zu ihnen gehörte, heißt es: „Als einer der letzten gehe ich zum Kahn. (…) Ein wildes Durcheinander, Geschrei, Geschimpfe, Gestöhne der Kranken, Fluchen der SS, Stoßen und Schieben (…). Ich klettere in den Kahn. Unten angekommen trete ich nur auf Menschenleiber. Wimmer und Gestöhne. Schimpfen und fluchen in vielen Sprachen. Ich krieche in eine Ecke, die Luke wird geschlossen, Finsternis umhüllt Gesunde, Kranke und Sterbende. Wie, wann und wo verlassen wir dieses schwimmende Grab?“
Als die Ruth am 3. Mai 1945 schließlichnach einer Irrfahrt in Flensburg strandete, waren mehr als 400 der Häftlinge auf der Ostsee gestorben, viele von ihnen erlagen ihren Leiden noch in den nächsten Tagen – darunter Hans Heinz Merkel aus Kassel.
Am 5. Mai trat die bedingungslose Teilkapitulation der deutschen Wehrmacht für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande in Kraft. Zu diesem Zeitpunkt waren die Häftlinge unter entsetzlichen Bedingungen auf einem Schiff in Quarantäne. Am 10. Mai – zwei Tage nach der endgültigen Kapitulation lief in Flensburg die MS „Homberg“ aus, ein Flussschiff, das die Wehrmacht für Flüchtlingstransporte Monate zuvor zwangsrekrutiert hatte. An Bord waren durch Vermittlung des Schwedischen Roten Kreuzes etwa 1.400 ehemalige Häftlinge aus dem KZ Neuengamme und dem KZ Stutthof. Am 11. Mai erreichte die „Homberg“ Malmö, die Häftlinge waren endgültig in Freiheit. Eine Akte der Staatlichen Ausländerkommission im Schwedischen Nationalarchiv bestätigt, dass Manfred Samuelsohn unter ihnen war.
In Freiheit und doch nicht befreit
Wie andere KZ-Häftlinge, die nach Schweden gerettet worden waren, erfuhr Manfred Samuelson die Fürsorge des schwedischen Staates. Aufenthalte in Krankenhäusern und Erholungsheimen bis Mitte 1947 sollten seine körperliche Gesundheit wiederherstellen und ihn damit befähigen zu arbeiten. In der jahrelangen Gefangenschaft hatte er an Unterernährung gelitten, zwei Zehen verloren, sich eine Gesichtslähmung und eine Reihe von Krankheiten mit ihren Folgeerscheinungen zugezogen: unter anderem Fleckfieber, Gelbsucht und eine tuberkulöse Rippenfellentzündung. Statt Chemiker zu werden, sah er sich noch lange nach dem Kireg allenfalls in der Lage, in untergeordneten Tätigkeiten wie der des Küchenhelfers zu arbeiten. Mit der deutschen Entschädigungsbürokratie und Gerichten stritt er – weitgehend erfolglos – um den Grad seiner Erwerbsminderung.
Dabei waren seine Probleme in erster Linie psychischer Natur, was erst mehr als 20 Jahre nach seiner Befreiung zum Gegenstand ärztlicher Betrachtung durch einen schwedischen Arzt führte. Diesem gegenüber beschrieb sich Manfred Samuelsohn als jemand, dessen Ehrgeiz und Lebenskraft gebrochen sei, der sich nicht mehr freuen könne und unfähig sei, die einfachsten Dinge des Lebens zu erledigen. Er fühle sich deklassiert, vermisse eine Gruppenzugehörigkeit und könne sich nicht identifizieren, fühle sich alt und verbraucht, ohne jemals jung gewesen zu sein. Für den Arzt waren das die typischen Folgen einer jahrelangen KZ-Haft. Sein „Versagenszustand“ beruhe auf dem „Bruch der Lebenslinie in der KZ-Zeit“.
In ein „normales“ Leben hat Manfred Samuelson wohl nie zurückfinden können. Er starb am 8. September 1988 in Vetlanda, Schweden.
Margrit Stiefel
Oktober 2025
ergänzt von Wolfgang Matthäus
Verlegung am 16. Oktober 2025
Quellen und Literatur
StadtA Kassel:
Hausstandsbuch Hedwigstraße 9 | Kennkarten Alfred und Helene Bibo | schriftliche Auskünfte zu Familie Samuelsohn/Bibo von Anika Manschwetus
Yad Vashem:
Pages of Testimony für Helene Bibo und Helmut Samuelsohn
Arolsen Archives:
Dokumente zu Manfred und Helmut Samuelsohn sowie Alfred Bibo
HHStAW
Best. 518 69781 und 69782, Best. 519/3 37245 (Entschädigungs- und Devisenakte)
HStAM 270 Kassel 6294 und 7191 (Manfred Samuelsohn gegen das Land Hessen)
Beate Kleinert und Wolfgang Prinz, Namen und Schicksale der Juden Kassels 1933-1945 (Gedenkbuch der Stadt Kassel)
Ulf Lüers: "Die Toten über Bord geworfen. . ." KZ-Häftlingstransporte nach Flensburg im April/Mai 1945, in: Verführt. Verfolgt. Verschleppt. Aspekte nationalsozialistischer Herrschaft in Flensburg 1933-1945, Flensburg 1996 S. 276-32 Gerhard Paul / Broder Schwensen (Hg.), Mai ‘45. Kriegsende in Flensburg, Flensburg 2015
Oliver von Wrochem (Hg.), Der Tod ist ständig unter uns / Nāve mīt mūsu vidū. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland / Deportācijas uz Rīgu un holokausts vācu okupētajā Latvijā, Hamburg 2022
https://www.nrz.de/staedte/duisburg/west/article212157581/die-geschichte-des-rettungsschiffes-ms-homberg.html