Franz Buda

Schillstraße 14

Franz Buda nach der Befreiung
Franz Buda nach der Befreiung

In der Nacht zum 30. Januar 1933, während die Nazis ihren Sieg mit einem riesigen Fackelzeug in Berlin feiern, beginnt der braune Terror. In dieser Situation schlägt die KPD den Generalstreik vor, um – wie beim Kapp-Putsch – durch eine machtvolle Aktion der einig handelnden Arbeiterklasse die Nazis zu stoppen. Doch SPD- und Gewerkschaftsführung lehnen ab, erkennen den Ernst der Lage nicht.

Diese Situation nutzen die Nazis geschickt. Es geht Schlag auf Schlag. Im Februar zünden SA-Leute den Reichstag an, um mit diesem Vorwand die Kommunisten auszuschalten, denen der Brand in die Schuhe geschoben wird. Im Mai werden die Gewerkschaftshäuser zerschlagen. Am 10. Mai werden Bücher verbrannt und im Juni die Parteien aufgelöst. Und Heinrich Heines Wort “Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen”, sollte wenige Jahre später Wirklichkeit werden in Auschwitz, Majdanek, Treblinka und anderswo.

Vom ersten Tag der braunen Barbarei werden die Gegner, besonders die Kommunisten, unerbittlich verfolgt, gejagt, misshandelt, ermordet.

 Die verhafteten Genossinnen und Genossen werden hier in Kassel in den Folterkellern der SA in den Bürgersälen, im Karlshospital, im KZ Breitenau oder im Königstor gequält, unter ihnen Georg Merle, Konrad Belz, Walter Stahnke, Willi Walberg, Henner Bischoff, Paula Lohagen, Erich. Weinert, Wilhelm Marker, Karl Gschwender, Traugott Eschke, Justus Krug.

 

Franz Buda ist einer von ihnen. Er wird im Januar 1936 zusammen mit Willi Pfromm, Hans Hinz, Fritz Dornemann, Willi Paar, Christian Stephan, Max Mayr, Willi Schiftan und Karl Pfromm verhaftet. m Jahre 1947 schildert er seine Inhaftnahme:

„Am 25.1.1936 wurde ich von der Gestapo in meiner Wohnung Kassel Schillstrasse 14, Erdgeschoss verhaftet. Es war morgens um 6 Uhr. Wohnung und Keller wurden durchsucht. Zwei Zivilbeamte und ein Beamter der Gendarmerie nahmen an der Haussuchung teil, welche ergebnislos war. Ich wurde dann in das Polizeipräsidium eingeliefert. Am Königstor war den Morgen Hochbetrieb. Meine Schwägerin wurde den Morgen auch verhaftet. Ich wurde in eine kleine Einzelzelle gesperrt, in der ich bis zum 24. Februar verblieb. In dieser Zeit wurde ich zum erstenmal vom Gestapomann Hellwig vernommen. Es war im Büro Erdgeschoss nach dem Hof zu gelegen. …“

 

Bis zum August 1936 ist er als Untersuchungsgefangener in den Händen der Gestapo und wird dabei mehrfach brutal misshandelt und erpresst. Dabei hat sich Kriminalsekretär Hellwig besonders hervorgetan. Auf Budas Frau wurde Druck ausgeübt, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Haftstätte waren das Polizeipräsidium Königstor und die „Elwe“ in der Leipziger Straße. Hellwig hat sich nach der Befreiung vom Faschismus durch Selbstmord der Verantwortung entzogen.

Im August 1936 wird Franz Buda vom Oberlandesgericht Kassel (AZ OJs 31/36) wegen Vorbereitung zum Hochverrat (Wiederaufbau der KPD) zu einer Zuchthausstrafe von 3 ½ Jahren verurteilt. Ein halbes Jahr U-Haft wurde angerechnet. Acht Mitangeklagte bekamen zusammen 32 Jahre. Seine Strafe musste er bis zum 7. August 1939 im Zuchthaus Wehlheiden verbüßen.

Ohne einen Tag in Freiheit wird er anschließend in „Schutzhaft“ genommen und ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar eingewiesen. Mit der Häftlingsnummer 2784 wird er erfasst. Im August 1939 waren etwa 8500 Menschen inhaftiert. Ihre Zahl dürfte mit Kriegsbeginn September aber schnell auf 10.000 angestiegen sein. Es gibt keine Zeugnisse über seinen Lageralltag. Es ist aber anzunehmen, dass er in seinem Beruf als Elektro-monteur Verwendung gefunden hat.  

Häftlingskarte von Franz Buda (Arolsen Archives) - Lagerstraße mit den Wirtschaftsgebäuden und der "Goethe-Eiche" (heimliche Aufnahme des Häftlings Georges Angéli aus dem Juni 1944. Copyright: Gedenkstätte Buchenwald)

Bei ArolsenArchives sind Geldkarten archiviert. Danach hat er in den Jahren 1942 bis 1944 von seinen Angehörigen 50 RM in 5-Mark-Beträgen erhalten. Ein Beleg dafür, dass sie auch in Not waren. Ein Schriftwechsel wegen Erhalt der Anwartschaft in der Invalidenversicherung des Gefangenen lässt die bedrückende Lage der Familie deutlich werden. (siehe Abb. unten)

Kleines Lager mit den Wasch- und Latrineneinrichtungen - Zwischen kleinem und großem Lager 

(heimliche Aufnahmen des Häftlings Georges Angéli aus dem Juni 1944. Copyright: Gedenkstätte Buchenwald)

Im März 1943 wird Franz als Elektriker in das Buchenwald-Außenlager in Leipzig-Thekla verlegt. Dort waren seit 1934 die Erla-Maschinenwerke als großer Luftrüstungsbetrieb ansässig. Der Betrieb stellte für die Luftwaffe des Deutschen Reiches bis Kriegsende mehr als 11.000 Jagdflugzeuge des Typs Messerschmitt Bf 109 her. Dabei wurden auch KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter eingesetzt.

Das Lager wurde am 6. März 1943 mit zunächst 57 Häftlingen eingerichtet. Es hatte drei Standorte: in Abtnaundorf, in Heiterblick und in Thekla. Während des Jahres 1944 wurden insgesamt etwa 1.800 Häftlinge aus dem Hauptlager Buchenwald in das Außenlager Leipzig-Thekla überstellt. Unter ihnen waren Männer aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, Belgien und der Tschechoslowakei. Überwiegend handelte es sich um politische Häftlinge. Sie mussten in Tages- und Nachtschichten je zwölf Stunden ohne Ruhetag arbeiten. Schlechte Ernährung und Kleidung erschwerten die Lebensbedingungen zusätzlich. Schwer kranke und arbeitsunfähige Häftlinge wurden nach Buchenwald zurückgeschickt und durch neue Arbeitskräfte ersetzt. Mehr als 100 Menschen starben in den Lagern an Unterernährung, Krankheiten und Misshandlungen. Weitere kamen bei alliierten Bombardements gegen die Rüstungsbetriebe ums Leben, da sie auf Befehl der SS keine Luftschutzeinrichtungen aufsuchen durften.

Unter Zurücklassung von 320 kranken Häftlingen erfolgte am 13. April 1945 die Evakuierung in Richtung Tschechoslowakei. Etwa 1.500 Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch getrieben, zu dem Tausende Männer und Frauen anderer Leipziger Konzentrationslager stießen. Der etwa 500 Kilometer lange Fußmarsch kreuz und quer durch Sachsen ging über 14 Tagesetappen. Er kostete Viele das Leben, doch einigen gelang die Flucht. Nur etwa 300 Menschen erlebten schließlich am 6. Mai 1945 die Befreiung durch die Rote Armee bei Teplice (Tschechoslowakei). 

Zu ihnen gehörte nach 23 Tagen Hunger und Tod auch Franz Buda aus Kassel. Er hat auf dem linken Ohr das Gehör verloren und litt an großer Nervosität.  

Schreiben der Schutzpolizei zur Notlage der Familie Buda - Von den Todesmärschen gibt es fast kein Foto. Dieses zeigt Häftlinge des KZ Dachau auf ihrem Todesmarsch.

Franz Buda ist am 9. September 1905 in Kassel geboren. Seine Eltern waren Justus und Martha Buda. Vater Justus war Schumacher. Die Eheleute haben 4 Kinder bekommen. Konrad 1889, Erna 1896, Walter 1900. Sie haben mit ihren Kindern an mehr als ein Dutzend Kasseler Wohnadressen gewohnt. Sohn Franz dürfte in die Volksschule in der Holländischen Straße gegangen sein. Er hat eine Lehre als Elektriker gemacht. In den Jahren 1921 bis 1936 wurden regelmäßig Beiträge zur Invalidenversicherung abgeführt. In den Jahren 1933 bis 1936 war er zum Teil arbeitslos bzw. als Elektriker bei Elektrizitätswerken Henkel in Kassel beschäftigt. Schon 1920 bis 1931 war er im Arbeiter Turn und Sport Bund organisiert, wechselte dann zu RotSport. Selbstverständlich war er auch Mitglied im Deutschen Metallarbeiter Verband.

Franz war mit Hildegard Brede verheiratet und hat mit ihr ab 1934 im Erdgeschoss des Hauses Schillstraße 14 gewohnt. 1935 ist Sohn Manfred geboren. Nur wenige Monate konnte die Eltern ihr Kind gemeinsam betreuen, dann ist Franz im Januar 36 für 9 Jahre in Kerkern und Lagern verschwunden.

Nach der Befreiung am 6. Mai in Sachsen ist es Franz Buda relativ schnell gelungen wieder nach Kassel zu seiner Familie zu kommen, um endlich auch seine Frau Hildegard und seinen mittlerweile 10 Jahre alten Sohn Manfred in den Arm nehmen zu können. Er hat nach einiger Zeit auch wieder Arbeit als Elektromeister bei den Städtischen Werken gefunden. Auch politisch hat er sich eingemischt und beim Aufbau der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mitgewirkt. Über 40 Jahre ist er bis zum Lebensende in ihr engagiert gewesen. Hildegard Buda ist 1969 gestorben. Franz ist ihr in 1989 gefolgt. Letzte Wohnadresse war Lenaustraße 56 in Kassel. Eine Enkeltochter lebt in den Niederlanden.

Walter Buda – Bruder von Franz – ist 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet worden. An ihn erinnert seit 2022 ein Stolperstein in der Gartenstraße 27.

 

Jochen Boczkowski im Oktober 2025

Verlegung am 8. Novemeber 2025

 

Quellen

 

Entschädigungsakte HHStAW 518/2336

Adressbücher Kassel

Meldeakten Stadtarchiv Kassel

Arolsen archives

https://www.aussenlager-buchenwald.de/details.html?camp=49

https://www.herbert-naumann.de/todesmarsch-galerie.html 

 

 

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